Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

94. Kapitel: Schöne Versöhnung zwischen Chanchah und den 100 Chinesen. Jesus und Chanchah.

   01] Chanchah fällt nun vor den hundert auf ihr Angesicht und fleht sie um Vergebung all des Üblen an, das sie - wenn auch unbeabsichtigt - an ihnen getan hat.
   02] Die hundert aber sagen alle einstimmig: »Holdeste Chanchah, so dir's der große heilige Lama vergeben hat, was wohl sollen dann wir noch wider dich haben! Hat ja doch derselbe Heilige der Ewigkeit auch uns vergeben, die wir dem Ahriman doch auch viele und große Opfer gebracht haben. Daher erhebe dich und kneife uns ins Ohrläppchen zum Zeichen, daß wir nun für ewig einander aus dem tiefsten Lebensgrunde vergeben haben!«
   03] Chanchah erhebt sich nun lieblichsten Angesichts und Wesens und tut, was die hundert von ihr verlangen. Nachdem sie alle die hundert sanft ins Ohrläppchen gekneift hat, spricht sie:
   03] »Eure Herzen seien mein köstlichster Schmuck, euer Anblick die schönste Weide meiner Augen. Mein Herz aber sei euch ein sanftestes Ruhekissen, auf dem ihr ausruhen wollet, so euch die Liebe müde gemacht hat. Meine Arme seien euch ein sanftes Band für Herz ans Herz, und aus meinem Munde fließe unversiegt der köstlichste Balsam in euer Leben.
   05] An meiner Brust sollt ihr euch schwingen bis zu den Sternen und meine Füße sollen euch tragen über harte Wege. Und wenn die Sonne untergeht und kein Mond der Erde leuchtet und der Sterne Schimmer dichte Nebel überdecken, dann soll mein Augenpaar euch erleuchten den Pfad eurer Sehnsucht, und all mein Eingeweide soll euch erwärmen in der frostigen Lebensnacht.
   06] Also will ich euch sein eine sanfteste Dienerin in den zartesten wie schwersten Bedürfnissen eures Lebens ewig, darum ihr mir euer Ohr geliehen habt zur Vergebung meiner schweren Sünde an euch.«
   07] Nach dieser Rede, die die liebliche Chanchah gesprochen, geht einer aus der Mitte der hundert zu ihr hin, hebt beide Hände über sie und berührt sie am Kopfe mit den Zeigefingerspitzen. Er spricht: »O Chanchah, wie gar so schön bist du nun! Ich sage dir's so laut nun, wie da braust ein mächtiger Sturm. Und ich sage es dir auch so sanft, als wie sanft da fächelt ein duftiger Abendhauch um die zarteste Wolle der Gazelle: du bist schöner nun als die Morgenröte über den blauen Bergen, die da zieren die große Stadt der Mitte der Reiche der Erde, und herrlicher als die Chujulukh (eine der schönsten Blumen, die nur im kaiserlichen Garten gezogen wird)!
   08] Dein Haupt ist lieblicher als der Kopf einer Goldtaube und dein Hals runder und weißer als der einer weißen Gazelle. Deine Brust ist sanfter und weicher denn Tutschuran (eine Art weichster Wolle, die an einer Schilfstaude wächst), und deine Füße sind kleiner denn die einer Antilope, die da hüpft und tanzt auf Himalajas höchsten Spitzen. Ja, so lieb uns die Sonne ist, so lieb bist uns auch du. Und wie herrlich der Vollmond den wogenden Spiegel der Seen bescheint, so herrlich bescheint deine Anmut auch unsere Herzen.
   09] So sollen von nun an auch deine Wünsche ebenso lieblich in unseren Seelen erschimmern und unsere Herzen also über und über erquicken, als wie da erquicken die Sterne die Herzen zerstobener Schiffer, die auf weitem Ozean ihre Segel hissen unbewußt am Tage, wohin sie den Lauf der Schiffe richten sollen, um zu gelangen in die glückliche Heimat.«
   10] Darauf wendet er sich zu Mir und spricht: »O Freund, ist es recht, daß wir diese, die unsere Feindin war, also aufgenommen haben wie ein Herz in hundert Herzen?«
   11] Rede Ich: »Ja, so ist es recht nach eurer besten Sitte. Aber da ihr alle nun nicht mehr auf der Welt, sondern im ewigen Reiche der Geister euch befindet, wo andere Sitten und Formen gang und gäbe sind, so werdet ihr euch nach und nach auch darnach richten und in allem so handeln, wie ihr es an uns sehen werdet, wenn ihr hier verbleiben wollt! Wäre euch aber eures Landes Tugend lieber als die dieses Hauses, da freilich müßtet ihr dann zu jenen übergehen, die noch gar lange zu tun haben werden bis sie dies Haus erreichen!«
   12] Spricht Chanchah: »O du lieblichster, herrlichster Freund der Armen - siehe, wir wollen hier so sein wie die feinste Porzellanerde, die sich in alle edlen Formen fügen läßt. Dein Wille sei unser Leben und dein Wort ein heiliges Wort Lamas!«
   13] Rede Ich: »Komm her, du lieblichste Chanchah, Ich will dir ein neues Kleid geben, welches dich herrlicher zieren soll denn die schönste Morgenröte die weißen Spitzen der blauen Berge!«
   14] Chanchah springt nan förmlich zu Mir hin. Und Martin bringt schon aus der goldnen Kiste ein rotes Kleid, das mit vielen Sternen verbrämt und wohl geschmückt ist, und übergibt es Mir mit den Worten:
   15] »Das wird dieser wirklich schönsten Chanchah gar überhimmlisch gut stehen; das ist ein wahres Kleid der Liebe! Ich muß offen gestehen, diese Chinesin gefällt mir nun auch ganz überaus gut; nur in ihre echt chinesischen Redensarten kann ich mich noch nicht so recht finden. Da hängt noch viel Irdisches daran, aber sonst echt orientalisch poetisch. Ich hätte wirklich nicht geglaubt, daß in den Chinesen so viel ehrliche Lyrik zu Hause ist. Aber mir gefällt das! Diese lassen wir auf keinen Fall mehr weiterziehen!«
   16] Rede Ich: »Hast recht - auch Mir gefallen sie, das Herz dieser Chanchah ganz besonders. Aber sie werden dir noch so manches zu schaffen geben! Doch nun zur Chanchah!
   17] Hier, du liebliche Tochter, empfange das Kleid: es ist das der Liebe und der weisen Sanftmut in dir! Wohl warst du eine Verräterin an diesen die das Zeugnis des Jesus-Lama annehmen wollten. Aber du wardst zur Verräterin durch die Tugend deines Reiches und wolltest nur retten des Kaisers Leben, dabei aber nicht opfern das deiner Brüder. Solches hat hernach der Kaiser getan - hätte es aber nicht getan, so er dein Herz in seiner Brust gehabt hätte. Du bist sonach völlig schuldlos und rein wie dieses Kleid, mit dem Ich dich nun bekleide. Nimm es hin, es ist Meine große Liebe zu dir!«


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