Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

72. Kapitel: Die seelische Verfassung der Herz-Jesu-Nonnen. Zwei Männer als Eindringlinge im Klostergarten. Angriff der rachegierigen Herz-Jesu-Nonnen.

   01] Borem aber spricht: »Freund und Bruder, danken wir der endlosen Weisheit des Herrn und Seiner unbegreiflichen Liebe und Erbarmung, daß Er gegen unser beider Erwarten mit dieser Gesellschaft so sanft und kurz hat verfahren wollen. Denn derlei Prüfungen dauern bei manchen oft besser Bestellten gar viele irdische Jahre, während sie bei dieser Gesellschaft nach irdischer Rechnung nur drei Tage gedauert haben. Freilich, das Gefühl dieser Geprüften wird wohl mit einigen Jahrzehnten belastet worden sein. Allein was tut das zur Wirklichkeit oder zu einer solchen Gefühlsgestaltung, mit der der Geprüfte oft mit tausend-, ja oft sogar mit millionenjähriger Dauer belastet wird?
   02] Kurz und gut, ich sage dir, der Herr war diesen dreißig Jesuiten überaus gnädig! Sie haben nun das Schlimmste überstanden. Sie sind wirklich bis an den Rand des Abgrundes gekommen und waren der Hölle endlos näher als dem Himmel, der wohl noch sehr weit von ihnen absteht. Aber sie sind gerettet und kommen nun in die Wiederherstellung. Und damit ist schon endlos viel gewonnen, wofür dem Herrn allein alle Ehre gebührt ewig. Denn was dem höchsten Engel nicht mehr möglich ist, das ist dem Herrn noch gar wohl möglich!
   03] Du möchtest in diesem dritten Akt wohl noch mehrere Szenen beschauen, darum du noch so aufmerksam hineinblickst in das Hinterhaupt. Aber ich sage dir, da wirst du nun nichts mehr erschauen. Denn diese Gesellschaft geht nun in sich und dann zu ihren besseren Brüdern über und harrt dann der Losschälung von dieser materieartigen Umgebung, die sogleich erfolgen wird, wenn wir noch die Herz-Jesu-Damen durchschauen werden.
   04] Damit diese aber darauf nicht gar zu lange warten sollen, wollen wir uns sogleich zu den besagten Damen hinbegeben und sie auf die gleiche Weise beobachten, wie wir diese dreißig Jesuiten beobachtet haben. Siehe, da sind sie schon! Du kannst dir eine wählen, die du willst; überall wirst du ganz dasselbe sehen!«
   05] (Bischof Martin:): »Gut, wenn so, da ist ja gleich die Nächste gut genug; also nur in das Hinterhaupt geschaut! Richtig, richtig, wie bei den dreißig! Da sehe ich ja alle, wie sie hier sind, auf einem Schock beisammenstehen: in einem Garten, der mit einer starken Mauer umfangen ist, an deren nördlich gelegener Ecke ein ganz finster aussehendes Klostergebäude angebracht ist.
   06] Sie scheinen emsig miteinander Worte zu wechseln. Ich kann aber noch nichts vernehmen, was sie eigentlich miteinander beraten. Nur bemerke ich, daß sie bald dunkler, bald wieder ums Kennen heller werden, gerade wie wenn die Winde Wolken über die beschneiten Bergspitzen trieben, wobei diese dann auch unter dem Wolkenschatten ganz grau wurden, und wann die Wolke den Strahlen der Sonne wieder den Weg geräumt hatte diese dann die Bergspitzen lieblich schimmern machten! Woher wohl bei diesen Herz-Jesu-Damen diese Erscheinlichkeit rühren mag?«
   07] Spricht Borem: »Lieber Bruder, du hast ein recht gutes Bild dafür aufgestellt und kannst in diesem naturmäßigen Bilde ganz wohl die Erklärung dieser Erscheinlichkeit finden. Siehe, auch hier ziehen über die Bergspitzen der verschiedenen Erkenntnisse dieser Damen Wolken der Nichterkenntnisse, getrieben von den Winden ihrer weltlich verschiedenartigen Leidenschaften! Du weißt aber, daß, so auf der Welt die Winde mit den Wolken ihr Spiel zu treiben anfangen, es dann bald zu einem schlechten Wetter kommt. Siehe, so wird es auch hier geistig erscheinlich der Fall sein.
   08] Merkst du nicht, wie diese Verdunklungen sich stets anhaltender wiederholen? Das deutet schon zuverlässig dahin, daß da der eigentliche Tanz sogleich angehen wird. Wenn die Verdunklung nimmer aufhören wird, dann wird des bösen Wetters Vorakt gleich beginnen. Gib nur genau auf alles acht; hier wirst du noch interessantere Dinge ersehen als wie bei den dreißig Jesuiten!«
   09] Spricht Bischof Martin: »Ja, richtig, du hast recht! Ich merke schon bei einigen, daß sie sich nimmer erhellen wollen, dunkel bleiben und auch richtig stets dunkler werden. Es will sich nun auch bei den übrigen das liebe Licht nicht mehr in seiner Stärke zeigen, sondern geht so nach und nach ins Grau über.
   10] Wahrlich, eine ganz sonderbare Mischung nun von Dunkel und Grau! Die schon sehr Dunklen werden nun von unten herauf wie matt glührotes Eisen gefärbt. Das scheint entweder von einem in ihnen erwachten Grimme oder am Ende gar von der Hölle herzurühren. Höre, du mein liebster Bruder, das sind ganz verzweifelt verdächtige Voraussetzungen zu nachkommenden bösen Erscheinungen!
   11] Nun entdecke ich, daß durch die Tür des Klosters sich zwei männliche Wesen in den Garten begeben. In dessen Mitte weilen unsere Herz-JesuDamen nun schon ganz verzweifelt stark verdunkelt, scheinen aber noch nicht zu merken, wie sich diese zwei Eindringlinge nun schon ganz in ihrer Nähe befinden.
   12] Aha, aha, jetzt wohl, jetzt! Nun wird die Hetz' wohl bald angehen. Unsere Damen haben nun schon einen Wind bekommen, daß sich jemand in ihrer Nähe befindet, der sich wahrscheinlich nicht da befinden sollte. Denn ich sehe glühende Dolche in ihren Händen, die sie nun nach auswärts richten, um die zwei Ankommenden auf eben nicht zu liebreiche Art zu empfangen.
   13] Nun richtet sich die Oberin auf und gebietet mit Handzeichen allgemeines Schweigen. Was wohl wird da herauswachsen? Vielleicht wird da eine ganz löbliche Anrede gehalten werden? - Ja, ja, wird wohl so sein, denn sie räuspert sich schon großartig dazu! Wahrlich, da bin ich doch sehr neugierig, was diese Priordame den übrigen Unterdamen voreseln wird! Also nur aufgepaßt, sie spricht:
   14] »Hört mich alle an, ihr meine ehrwürdigsten und hoch zu respektierenden Damen! Unserem höchsten, würdigsten und heiligsten Orden droht eine große Gefahr! Es haben sich zwei freche Männer, die ich lieber 'Buben' nennen möchte, durch unser heiliges Kloster in diesen unsern Gottesgarten hereingeschlichen. Wahrscheinlich, um mit uns Unzucht und Scherz zu treiben oder wenigstens, um hier unseren heiligen Besitz auszuspionieren, wie er uns mit Gewalt entrissen werden könnte, falls wir ihn nicht mit Ruhe übergäben! Aber diese Buben sollen ihren Vorwitz teuer büßen!
   15] Hört, wir sind unser bei neunzig an der Zahl, wie ich euch hier flüchtig übersehe! Wenn diese zwei frechen Buben sich uns nahen sollten und auf unseren Zuruf: 'Hinaus mit euch, ihr gottvergessenen, ehrlosesten Buben!' sich nicht sogleich eiligst entfernen sollten, fallen wir sie alle zugleich an! Und jede von uns stoße ihnen den glühenden Dolch in die Brust bis ans Heft! Sind sie also getötet, dann lassen wir sie durch unsern Hausknecht hier in diesem Garten in Stücke zerhauen und auf einem verfluchten Scheiterhaufen verbrennen, auf daß dieses Gottesheiligtum wieder gereinigt werde!«
   16] Spricht Bischof Martin: »Schau, schau; diese lieben Dämchen des Herzens Jesu, was sie für liebevolle Blutgedanken haben! Ah, das ist ja allerliebst! O ihr gottlosesten Kanaillen! Nein, das hätte ich von diesen wahren Furien der Hölle nicht erwartet! No, wenn da schon das Vorspiel einen so löblichen Anfang nimmt, wie wird es dann erst mit den nachfolgenden Prüfungsakten aussehen? Da sieh nur hin: die zwei Männer sehen sehr liebevoll aus, und ich könnte von ihnen sagen: 'Siehe hier zwei Menschen, in deren Seelen kein Falsch zu entdecken ist!' Und diese bösen Kanaillen verdammen sie schon, ohne sie noch recht gesehen und noch weniger gesprochen zu haben!«
   17] Spricht Borem: »Sei nur ruhig, du weißt ja, wie sich diese Sachen verhalten! Laß sie ganz ruhig handeln! Wenn es an der Zeit sein wird, sich hier ins Mittel zu legen, werden wir schon von der Tafel erinnert werden. Vor dem aber seien wir nichts als bloß nur ruhige Betrachter des hier Vorsichgehenden. Betrachte nur wieder weiter!«
   18] Bischof Martin betrachtet nun sehr aufmerksam wieder die Szene vor sich und spricht nach einer Weile: »Du, Bruder, jetzt gehen die zwei Männer wieder zur Tür des Klosters und machen Mienen, als wollten sie sich wieder auf- und davonmachen aus diesem gottesheiligtümlichen Garten.
   19] Aber die Damen bemerken das und schreien nun ganz wider ihre frühere Absicht: »Halt, keinen Schritt weiter, ihr gottlosen Buben!«
   20] Die zwei Männer scheinen gar nicht darauf zu achten und nähern sich stets mehr der Ausgangstür. Aber die Damen merken nun, wie diese beiden auf ihren Zuruf nicht achten wollen. Sie werden darum nun vollends glühend, stürzen mit einem furchtbaren Schrei den zwei Männern nach und vertreten ihnen die Tür.
   21] Ein Teil aber umringt die zwei Männer mit gezückten Dolchen und fragt sie mit drohender Miene wie aus einem Munde: 'Was suchtet ihr hier, ihr verruchtesten Buben? Gesteht eueren bösen Vorsatz, eueren verräterischen Plan, auf daß wir euch dann ohne Gnade und Erbarmen desto ärger quälen können! Denn ihr habt durch euer frechstes und unverschämtestes Eintreten in diesen Garten Gottes Heiligtum entheiligt und habt sogestaltig den Geist Gottes mit Füßen getreten! Solch eine allerfrevelhafteste Todsünde aber sühnt nur der Tod, und nur eure ewige Verdammnis kann der göttlichen Gerechtigkeit Genugtuung verschaffen! Redet daher, ihr schon im voraus Allerverfluchtesten!'
   22] Die zwei Männer reden nun: 'Hört uns geduldig an! Wir sind von Gott an euch abgesandt, um euch aus eurer großen Torheit zu befreien. Aber da wir an euch nichts als Zorn- und Racheglut ersehen, seid ihr für solch große Gnade noch lange nicht reif und werdet von nun an überlang zu warten haben, bis ihr dieser Gnade würdig werdet. Habt ihr nicht gehört, daß, wer da richtet und flucht, selbst gerichtet und verflucht wird?! Wir aber wollen es euch nicht vergelten, nichts Böses für Böses geben. Daher besinnt euch und lasst uns im Frieden ziehen, sonst wird es euch arg ergehen!'
   23] Die Damen fallen nun ganz ergrimmt mit ihren Dolchen über die zwei. Diese aber verschwinden und die Damen erdolchen sich nun selbst in ihrer blinden Wut.«


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