Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

38. Kapitel: Bischof Martins Überraschung in seinem himmlischen Heim. Dessen Einrichtung.

   01] Als nun Bischof Martin bald sein Häuschen erreicht und in dasselbe tritt, ist er über alle Maßen überrascht, als Ich Selbst ihn schon an der Schwelle erwarte und ihn nun in sein Haus einführe: ein Dienst, den bei den andern die Engel versehen, weil die andern der Gesellschaft vor Mir noch bei weitem mehr Ehrfurcht haben als Liebe zu Mir. Aber bei Bischof Martin ist es gerade der umgekehrte Fall, daher es ihm eigentlich gar nicht recht war, daß er sich von Mir gewisserart hätte trennen sollen.
   02] Als er Mich aber nun auch in seinem Häuschen ersieht und Ich ihn da schon an der Schwelle erwarte, schlägt er die Hände vor lauter Freude über dem Kopf zusammen und spricht:
   03] »Ja, so, - so gefällt's mir da freilich noch viel besser als dort in Deinem Hause, besonders in dem letzten Prachtsaale! Mein allergeliebtester Herr Jesus, wenn nur Du bei mir bist, dann ist mir die gemeinste Hütte schon der herrlichste Himmel für ewig!
   04] Aber wie bist denn Du so schnell, mir ganz unersichtlich, dahergekommen? Das ist wirklich schon wieder ein Non-plus-ultra-Wunder! Ja, ja, Du mein geliebtester Herr Jesus, bei Dir ist doch alles Wunder über Wunder und ich bin dabei noch so hübsch ein Stockfisch, der noch nichts einsieht und begreift! Nein, aber sonderbar ist es doch, daß Du eher da warst als ich und ich habe Dich doch ganz richtig in Deinem großen Prachtsaale verlassen!«
   05] Rede Ich: »Mache dir darob keine Skrupel, Mein geliebter Bruder Martin. Siehe, so Ich nicht allenthalben der Erste und der Letzte und nicht überall alles in allem wäre, sähe es traurig aus mit der ganzen Unendlichkeit. So aber magst du dich nun hinwenden und hingehen, wohin du nur immer willst, so wirst du Mich schon dort antreffen, wohin du dich wenden und begeben wirst.
   06] Gehe aber nun in dies Häuschen mit Mir, auf daß Ich Selbst dir alle Einrichtung werde zeigen und diese auch richtig gebrauchen lehren. Komme, komme, komme darum nun mit Mir in dieses nun dein Häuschen. Es ist zwar klein, enthält aber dennoch mehr als alle Welt, ja mehr als ein ganzes Sonnengebiet in der naturmäßigen Weltensphäre, wovon du dich alsbald klarst überzeugen wirst. Daher komme, gehe und wandle mit Mir in dieses dein Haus! Es sei!«
   07] Bischof Martin folgt Mir sogleich und erstaunt über die Maßen, als er anstatt in ein vermeintliches kleines Kabinettchen in eine ungeheuer große Halle eintritt. Je länger er sie stets aufmerksamer betrachtet, desto mehr erweitert sie sich und bietet alles zur Beschaulichkeit dar, was unser Bischof Martin sich nur immer vorzustellen vermag.
   08] In der Mitte dieser großen Halle steht auf einem goldenen Postament eine große, weißglänzende runde Scheibe. Hinter ihr auf einem ehernen Gestell ein vollkommenster, himmlisch-künstlicher Erdglobus, der vom Größten bis zum Kleinsten alles enthält, was die wirkliche Erde vom Zentrum bis zur Oberfläche und darauf enthält, natürlich auch alles, was da geschieht.
   09] Hinter diesem Globus ist das ganze Planetensystem dieser Erdsonne auf eine gleiche himmlisch-künstliche Weise aufgestellt und zeigt genau auch auf dieselbe Art jede Kleinigkeit und jede Eigentümlichkeit jedes einzelnen Planeten wie auch der Sonne.
   10] Der Boden dieser Halle ist wie aus reinstem Saphir, die hohen Wände wie aus Smaragd, die Decke wie aus Azur mit vielen Sternen. Durch die großen Fenster fällt ein herrliches, violettrotes Licht in diese große Halle, die in der halben Höhe noch mit einer herrlichen Galerie wie aus feinstem Jaspis geziert ist, wobei aus der Halle noch zwölf Türen in nebenanstoßende Gemächer führen. Die smaragdenen Wände aber produzieren noch obendarauf in den schönst kolorierten Schattenrissen, was sich Bischof Martin nur immer denkt.
   10] Nach längerem übermäßigem Staunen öffnet endlich Bischof Martin wieder seinen Mund und spricht: »O Herr, Herr, Herr! Ja, was ist denn das schon wieder für ein neues Gaukelspiel? Ah, das ist aber doch was man sagen kann, über alles! Nein, nein, nein! Ah, ahahah! Von außen klein wie beinahe ein Fliegenhäuschen - und von innen wie eine ganze Welt! Ja, wie geht denn das wieder zusammen? Nein, das ist mir bisher noch das Unbegreiflichste, wie eine Sache von innen größer sein kann als von außen! Das begreife, wer es will und mag; für mich aber ist diese Sache ein für allemal rein zu rund!«
   11] Rede Ich: »Mein geliebter Bruder Martin, Ich sage dir, du wirst dich in all dem bald zurecht finden! Siehe, in der eigentlichen wahren Welt der Geister ist alles völlig umgekehrt von dem, wie es in der Welt ist. Was in der Welt groß ist, das ist hier klein; was aber in der Welt klein ist, das ist hier groß. Wer auf der Welt der Erste ist, der ist hier der Letzte; wer aber auf der Welt der Letzte ist, der ist hier der Erste!
   13] Wie groß aber ist ein Mensch auf der Welt? Er mißt sechs Spannen Höhe und 2 Spannen Breite. So er aber ist ein Weiser, sage, welche endlosen Größen und Tiefen liegen in seinem Herzen! Ich sage dir, alle Ewigkeiten werden nicht hinreichen, die Fülle seiner Wunder zu enthüllen und zu erfassen!
   14] Du hast wohl öfter auf der Welt ein Weizenkorn betrachtet. Das ist doch sicher klein seinem äußern Umfange nach, und dennoch enthält es soviel seinesgleichen in sich, daß es die ganze Ewigkeit nimmer ermessen könnte. Ebenso liegt auch hier der gleiche Grund vor dir aufgedeckt:
   15] Das Äußere dieses Hauses ist gleich deinem nun völlig demütigen äußern Wesen: es ist - wie du - klein. Das Innere dieses Hauses aber kommt nun deiner inneren Weisheit gleich, die Größeres umfaßt als das äußere Maß deiner Wesenheit. Darum ist es auch als größer ersichtlich als das Äußere dieses Hauses, das da gleich ist deinem Außenwesen. Das Innere aber wird noch stets größer, je mehr du in der wahren Weisheit aus Meiner Liebe wachsen wirst. Denn hier lebt ein jeder seiner Weisheit aus seiner Liebe zu Mir, welche aber die eigentliche Schöpferin alles dessen ist, was dir hier so wunderbar vorkommt.
   16] Siehe aber dort jene weißglänzende aufrechtstehende Tafel; sie stellt dein durch Mich gereinigtes Gewissen dar. Auf dieser Tafel wirst du allzeit nunmehr Meinen alleinigen Willen entdecken, darnach du dich dann allemal sogleich richten wirst!
   17] Es hat zwar wohl schon auf der Welt ein jeder Mensch eine gleiche Gewissenstafel in seines Herzens Kämmerlein aufgerichtet, auf der allzeitlich Mein Wille aufgezeichnet wird zur getreuen Darnachrichtung für jedermann. Aber nur wenige merken darauf, und gar viele streichen am Ende diese Tafel mit allen Sünden ganz schwarz an, auf daß sie ja nimmer erschauen mögen Meinen Willen.
   18] Siehst du nun, wie ganz naturgetreu hier die Errichtung dieses nun deines Hauses ist? Also nicht so sehr ein Gaukelwunderspiel, wie du ehedem meintest.
   19] Hinter der Tafel ist ein getreuestes Abbild der Erde, wie sie ist in allem ihrem Wesen, und hinter diesem Abbilde die Sonne mit den andern Planeten. Wirst du dich in irgend etwas dabei nicht auskennen, da siehe nur auf die hintere Fläche dieser Tafel, die der Welt zugewendet ist; dort wirst du allemal die Erklärung finden. Willst du aber dann auch wissen, was du dabei tun sollest, da beschaue die vordere Fläche dieser Tafel; da wirst du allzeit Meinen Willen erschauen.
   20] Noch ersiehst du zwölf Türen, die aus dieser großen Halle in kleinere Seitengemächer führen. In diesen Gemächern aber wirst du allerlei noch etwas verdedelte Speisen treffen. Diese genieße aber erst dann, so Ich sie dir alle werde zuvor vollends gesegnet haben, ansonst sie dich blöde machen würden und du dann nach längerer Dauer nicht fähig wärest, die Schrift Meines Willens auf dieser Tafel zu lesen. Daher, so du zu einer solchen verdeckten Speisekammer kommen wirst, verlasse sie alsbald und komme zu Mir, und Ich werde dann hingehen und dir die Speisen enthüllen und vollends segnen.
   21] Nun weißt du, wie diese Dinge hier stehen; tue darnach, so wirst du stets mehr und mehr in der Seligkeit wachsen! Es sei!«


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