Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

158. Kapitel: Martins blinder Eifer gegen den Zeremoniendienst der Sonnenbewohner. Jesu weise Rede über Toleranz. Martins Gespräch mit Petrus über die Rüttler vom Herrn.

Originaltext 1. Auflage 1896 durch Project True-blue Jakob Lorber

Text u. Versnummerierung nach 3. Auflage 1960 Lorber-Verlag

01] Als die Chanchah diese Worte gesprochen, ist auch der Martin schon da vor Mir und spricht: „O Herr, o Vater! da könnte einem ja doch das Gesicht aus allen seinen Fugen kommen! Das ist ja eine Pracht, von der sicher keinem Geiste einer andern Welt je etwas geträumet hat! Sogar Deine hehrsten Brüder reiben sich die Augen, und scheinen den zu großen Glanz kaum ertragen zu können! Aber merkwürdig ist's, daß uns aber auch nicht eine Fliege, geschweige irgend etwas Menschliches, entgegen kommt?

02] Petrus meint freilich und sagt: Wir müßten so lange vor der Flur verharren, bis die Ersten des Hauses mit all ihren Zeremonien uns entgegen kämen nach ihrer dießweltlichen Sitte! ich aber, der ich auf der Welt einen nur zu derben Eckel vor aller Zeremonie bekommen habe, da ich in selbe völlig begraben ward, meine, wir sollen diese glänzenden Dummheiten nicht abwarten, sondern ohne viel Anklopfens ins Haus dringen! denn Du wirst wohl sicher dazu die hinreichende Macht haben?"

03] Rede Ich: „Oho, oho, Mein lieber Martin! Wir kommen ja nicht als Feinde hierher, sondern als wahre Freunde, und wollen helfen und aufbauen, und nicht schlagen und zerstören.

04] Sage, was Ruhmes hätten wir wohl, so wir zerstöreten nun im Augenblicke diese ganze Gegend? Oder ist es ehrsam für einen kräftigen Arm, einer Mücke den Kopf vom Leibe zu reißen? Siehe, es ist besser, einer Mücke den Kopf aufzusetzen, als ihn zu zerstören! Daher wollen wir hier auch nicht von unserer Kraft, sondern von unserer Geduld und Liebe nur den rechten Gebrauch machen.

05] Oder wäre es dir recht gewesen, so Ich, statt dir alle Meine Geduld und Liebe angedeihen zu lassen, die du wohl nie verdienet hast, dich sogleich mit Meiner Allmacht ergriffen hätte, und geworfen in die Hölle? womit wohl hättest du Mir das vorenthalten können? Aber siehe, Ich habe dir das nicht gethan, weil Ich keine Ehre darinnen fand, als Allmächtiger dich Ohnmächtigsten zu verderben, wohl aber, dich zu erhalten und aufzurichten! - Wäre es nun klug von uns, hier feindlich zu verfahren?"

06] Martin schlägt sich auf die Brust und spricht: „0 mea culpa, mea culpa, mea quam maxima culpa! O Herr! vergieb mir! Du weißt es ja, daß ich ein Vieh bin!"

07] Rede Ich: „Ja, ja, es ist dir schon gar lange alles vergeben; aber nur habe in der Zukunft stets den rechten Grund unausgesetzt vor Augen, aus dem allein wir thätig sind und ewig sein wollen und werden, so wirst du nicht leicht wieder in eine solche Dummheit verfallen! Siehe, wir wollen Alles ewig erhalten, und nichts auch nur auf eine Sekunde lang zerstören; denn nach der Zerstörung dürstet allein die Hölle! Solches fasse, und begieb' dich wieder auf deinen Platz!"

08] Martin küßt Mir die Füße und begiebt sich schnell wieder zu den zwei Brüdern.

09] Diese fragen ihn, sagend: „No, was sollen wir also thun? sollen wir warten, oder eindringen?"

10] Spricht Martin: „Wisset, die Narren sind noch allzeit am ungeduldigsten gewesen, weil sie keinen Verstand haben! aber so sie zu dumm werden, da ist ein tüchtiger Rippler ihnen sehr heilsam! Und das ist denn auch bei mir der Fall! Der Herr hat mich ein wenig geputzt, und nun bin ich wieder ganz in der Ordnung! Aus einem Viehe hat Er wieder einen Menschen gemacht, und nun ist, wie gesagt, alles wieder in der allerschönsten Ordnung."

11] Spricht Petrus: „Ja, ja, da hast du wohl recht gesprochen, auch ich habe auf der Welt einige gar gewaltigste Rippenstöße vom Herrn bekommen, und es war auch gut; und sogar der Bruder Paulus hat einmal seine geistige Faust an meinen Rücken geworfen, und siehe, es war auch gut; - aber nun wissen wir Beide dessen alles ungeachtet noch nicht, ob wir da warten, und uns etwas langweilen, oder sogleich in dieß Prachthaus dringen sollen? Nur das sage uns, lieber Bruder Martin!"

12] Spricht Martin: „Wie es mir vorkommt, so wollet ihr mich auch noch ein wenig zu kneipen anfangen? Das versteht sich ja von selbst, daß wir nach dem Willen des Herrn warten sollen, bis die alle ihre Zeremonien werden gemacht haben, die uns da entgegen kommen werden oder wollen! ihr werdet es sicher wohl wissen, welche?"

13] Spricht Petrus: „Nun, nun, lieber Bruder, du mußt nicht also gleich auffahren in deiner Leber! Siehe, ich weiß es am besten, daß ein Rüttler vom Herrn nicht so wohl thut, als eine Liebkosung; aber es ist doch eben so gut Liebe, wie die Liebkosung selbst. Weißt du, als ich den Herrn, da Er mir und meinen Brüdern von Seinem bevorstehenden Leiden vorhersagte, warnte vor Jerusalem, und in meiner größten Liebe zu Ihm sprach: Herr! das geschehe nur Dir nicht! Was sprach darauf der Herr zu mir?"

14] Spricht Martin: „O Bruder, wiederhole mir diese schreckliche Sentenz nicht; denn wahrhaftig wahr, das ist mir allzeit unbegreiflich gewesen, wie der Herr, Der dich kurz vorher zum Pfeiler Seiner Kirche stellte, die keine Macht der Hölle ewig je überwältigen sollte, dich gleich darauf einen Satan, der Hölle Obersten, benennen konnte? Wahrlich, das ist mir noch bis jetzt ein tiefes Räthsel! Wie wohl verstehest du das?"

15] Spricht Petrus: „Siehe, als mich der Herr zu einem Pfeiler Seiner Kirche stellte, da redete Er zu mir aus Seiner Weisheit; als Er mich aber einen Satan nannte, da redete Er aus Seiner unermeßlichen Liebe zu mir; weil Er da mein Weltthümliches mit aller Gewalt wie mit einem Hiebe aus mir wies, welches Weltthümliche in mir der eigentliche Satan selbst war! Bruder, verstehst du nun diese Sentenz, und diesen meinen allergewaltigsten Rüttler?"

16] Spricht Martin: „Zwar noch nicht ganz in der Fülle; aber ich verspüre es wohl, wo hinaus diese Sache gehet! Ja, ja, der Herr ist schon durchaus Liebe!"

01] Als Chanchah diese Worte gesprochen, ist auch Martin schon vor Mir und spricht: »O Herr, o Vater, da könnte einem ja doch das Gesicht aus den Fugen kommen! Das ist ja eine Pracht, von der sicher keinem Geiste einer andern Welt je etwas geträumt hat! Sogar Deine hehrsten Brüder reiben sich die Augen und scheinen den zu großen Glanz kaum ertragen zu können! Aber merkwürdig, daß uns auch nicht eine Fliege, geschweige irgendetwas Menschliches entgegenkommt?

02] Petrus meint freilich, wir müßten so lange vor der Flur verharren, bis die Ersten des Hauses mit all ihren Zeremonien uns entgegenkämen nach ihrer diesweltlichen Sitte. Ich aber, der ich auf der Welt einen derben Ekel vor aller Zeremonie bekommen habe, da ich in selber völlig begraben ward, meine, wir sollten diese glänzenden Dummheiten nicht abwarten, sondern ohne viel Anklopfen ins Haus dringen. Du wirst wohl sicher dazu die hinreichende Macht haben!«

03] Rede Ich: »Oho, Mein lieber Martin! Wir kommen ja nicht als Feinde hierher, sondern als wahre Freunde. Wir wollen helfen und aufbauen - und nicht schlagen und zerstören!

04] Was Ruhmes hätten wir wohl, so wir nun im Augenblicke diese ganze Gegend zerstörten? Oder ist es ehrsam für einen kräftigen Arm, einer Mücke den Kopf vom Leibe zu reißen? Siehe, es ist besser, einer Mücke den Kopf aufzusetzen als ihn zu zerstören. Daher wollen wir hier auch nicht von unserer Kraft, sondern von unserer Geduld und Liebe den rechten Gebrauch machen!

05] Oder wäre es dir recht gewesen, so Ich - statt dir alle Meine Geduld und Liebe angedeihen zu lassen, die du wohl nie verdient hast - dich sogleich mit Meiner Allmacht ergriffen hätte und geworfen in die Hölle? Womit wohl hättest du Mir das vorenthalten können? Aber siehe, Ich habe dir das nicht getan, weil Ich keine Ehre darin fand, als Allmächtiger dich Ohnmächtigsten zu verderben, - wohl aber, dich zu erhalten und aufzurichten! Wäre es nun klug von uns, hier feindlich zu verfahren?«

06] Martin schlägt sich an die Brust und spricht: »O mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!« O Herr, vergib mir, Du weißt ja, daß ich ein Vieh bin!«

07] Rede Ich: »Ja, ja, es ist dir schon lange alles vergeben. Aber habe in Zukunft stets den rechten Grund unausgesetzt vor Augen, aus dem allein wir tätig sind und ewig sein werden, so wirst du nicht leicht wieder in solche Dummheit verfallen! Siehe, wir wollen alles ewig erhalten und nichts auch nur auf eine Sekunde lang zerstören; nach Zerstörung dürstet allein die Hölle! Solches fasse und begib dich wieder auf deinen Platz!«


08] Martin küßt Mir die Füße und begibt sich schnell wieder zu den zwei Brüdern.

09] Diese (Petrus und Johannes) fragen ihn: »Nun, was sollen wir also tun? Sollen wir warten oder eindringen?«

10] Spricht Martin: »Wißt, die Narren sind noch allzeit am ungeduldigsten gewesen, weil sie keinen Verstand haben. Aber so sie zu dumm werden, ist ein tüchtiger Rippler ihnen sehr heilsam! Und das ist denn auch bei mir der Fall. Der Herr hat mich ein wenig geputzt, und nun bin ich wieder ganz in Ordnung! Aus einem Vieh hat Er wieder einen Menschen gemacht, und nun ist alles wieder in der schönsten Ordnung!


11] Spricht Petrus: »Ja, ja, da hast du wohl recht gesprochen. - Auch ich habe auf der Welt einige gar gewaltige Rippenstöße vom Herrn bekommen, und es war auch gut. Sogar Bruder Paulus hat einmal seine geistige Faust an meinen Rücken geworfen, und siehe, auch das war gut! Nun aber wissen wir beide immer noch nicht, ob wir da warten und uns etwas langweilen oder sogleich in dieses Prachthaus dringen sollten. Nur das sage uns, lieber Bruder Martin!«

12] Spricht Martin: »Wie mir vorkommt, wollt ihr mich auch noch ein wenig zu kneipen anfangen! Es versteht sich ja von selbst, daß wir nach dem Willen des Herrn warten müssen, bis alle ihre Zeremonien werden gemacht haben, die uns da entgegenkommen wollen! Ihr werdet sicher wohl wissen, welche?«

13] Spricht Petrus: »Nun, lieber Bruder, du mußt nicht gleich auffahren in deiner Leber! Siehe, ich weiß am besten, daß ein Rüttler vom Herrn nicht so wohl tut wie eine Liebkosung; aber er ist doch ebensogut Liebe wie die Liebkosung selbst! Weißt du, als ich den Herrn, da Er mir und meinen Brüdern von Seinem bevorstehenden Leiden vorhersagte, warnte vor Jerusalem und in meiner größten Liebe zu Ihm sprach: 'Herr, das geschehe nur Dir nicht!' - Was sprach da der Herr zu mir?«

14] Spricht Martin: »O Bruder, wiederhole mir diese schreckliche Sentenz nicht! Denn wahrhaftig, mir ist allzeit unbegreiflich gewesen, wie der Herr, der dich kurz vorher zum Pfeiler Seiner Kirche stellte, die keine Macht der Hölle ewig je überwältigen soll, dich gleich darauf einen Satan, der Hölle Obersten, benennen konnte! Wahrlich, das ist mir bis jetzt noch ein tiefstes Rätsel! Wie wohl verstehst du das?«

15] Spricht Petrus: »Siehe, als mich der Herr zu einem Pfeiler Seiner Kirche stellte, da redete Er zu mir aus Seiner Weisheit. Als Er mich aber einen Satan nannte, redete Er aus Seiner unermeßlichen Liebe zu mir, weil Er da mein Welttümliches mit aller Gewalt wie mit einem Hiebe aus mir wies, welches Welttümliche in mir der eigentliche Satan selbst war! Verstehst du nun diese Sentenz und diesen allergewaltigsten Rüttler?«


16] Spricht Martin: »Zwar noch nicht ganz in der Fülle, aber ich spüre wohl, wo hinaus diese Sache geht! Ja, ja, der Herr ist schon durchaus Liebe!

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