Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

68. Kapitel: Borem belehrt über den Weg zur Seligkeit. Seelische Wandlungen der Mönche und Nonnen.

   01] Als nun beide ins Haus kommen, geht ihnen sogleich einer der Minoriten, der schon früher so recht verständig geredet, entgegen und fragt Martin: »O lieber Freund und Bruder, was doch gab es draußen, darum du so eilends hinaus mußtest? Siehe, wir alle waren darob in großer Bestürzung und Sorge wegen deiner: wir meinten, du wärest etwa unseretwegen zur Rechenschaft gezogen, und dir sei darum vielleicht etwas Übles begegnet. O sage uns, wie es dir erging!«
   02] Martin lächelt und spricht: »O liebe Freunde und Brüder, seid meinetwegen gänzlich unbesorgt! Seht, diesen lieben Freund und Bruder hat mir der Herr euret- und meinetwegen zugesandt, daß er mir helfe, euch alle auf den rechten Weg zu bringen, - darum einzig und allein bin ich hinaus gerufen worden.
   03] Ihr alle aber müßt nun diesen Freund des Herrn willigst anhören und euch allezeit nach seinen Worten richten, so wird euer und vielleicht auch mein Los bald in Kürze ein besseres und freieres werden. Denn seht, auch ich bin noch lange kein völlig seliger Geist, sondern nur auf dem Wege, der vollkommenen Seligkeit durch die Gnade des Herrn teilhaftig zu werden!
   04] Befleißigt euch nun alle, dieser Gnade ehest möglich teilhaftig zu werden! Es kann sehr leicht sein, daß wir dann samt und sämtlich unsern Weg zu gleicher Weile in das Reich des Gotteslichtes nehmen werden!«
   05] Spricht der Minorit wieder: »Ja, Bruder, wir alle versprechen es dir und deinem Freunde, uns in allem strenge nach der Vorschrift zu verhalten, die ihr uns geben werdet, um nur der allergeringsten Gnade des Herrn teilhaftig zu werden!«
   06] Spricht Borem: »Ja, liebe Brüder und Schwestern, haltet dies euer Versprechen aus dem Grunde eures Herzens! Liebet Jesus Christus, den Gekreuzigten, über alles, darum Er ist unser aller einiger, liebevollster und heiligster Vater! Sucht allein nur Ihn und Seine Liebe und hängt an nichts eure Herzen denn allein nur an Ihn, so werdet ihr viel eher, als ihr es denkt, euch in Seiner ewigen Liebewohnung befinden! Aber alle eure sinnlichen Weltanhängsel müsst ihr aus euren Herzen verbannen, sonst wäre es nicht möglich, euch in die ewige Wohnung des heiligen Vaters zu bringen. Merkt aber nun wohl, was ich euch sagen werde!
   07] Seht, ihr alle hattet auf der Welt von Gott und vom Himmel, wie überhaupt vom Leben der Seele und ihrem Befinden nach dem Tode des Leibes, zwar zwei verschiedene, aber durchgehends grundfalsche Begriffe. Ihr habt euch schon bisher überzeugen können, daß sich hier euer irdischer Glaube in nichts bestätigt erwiesen hat. Ihr habt kein Fegefeuer, ja sogar keine Hölle, wie auch keinen Himmel und keine beflügelten Engel gefunden. Wie ihr aber das alles nicht gefunden habt, so werdet ihr auch alles andere ewig nicht finden, woran ihr als römische Katholiken geglaubt habt.
   08] Auch alle die Gebetshilfen der Gemeinden und der Priester, auf die ihr große Glaubensstücke gehalten hast, haben hier nicht den allergeringsten Wert. Niemand kommt hier durch ein vermitteltes Erbarmen zum Herrn, da der Herr ohnehin von der allerhöchsten Erbarmung ist. Es wäre daher eine allergrößte, sündhaftigste Torheit, den allerbarmherzigsten, liebevollsten, allerbesten Vater zur Barmherzigkeit bewegen zu wollen.
   09] Daher muß hier ein jeder selbst ernstlichst Hand an sein eigenes Werk legen, ansonsten es unmöglich wäre, zu Gott, dem Herrn aller ewigen, unendlichen Herrlichkeit zu gelangen. Seht, ich bin nun selbst ein großer Engel des Herrn. Er ruft mich nicht anders als: 'Mein Bruder! Wie endlos lieb habe Ich dich!' Und seht, so ich auch hinginge und möchte bitten für euch eine Ewigkeit, würde euch das dennoch nichts nützen. Denn jeder muß selbst tun aus seiner Liebe heraus, was da in seiner Kraft steht, ansonsten er nie zu der wahren Freiheit seines Geistes gelangen kann. Gott ist wohl allmächtig, aber Seine Allmacht macht niemanden frei, da eben sie es ist, aus der wir durch unsern freien Willen und durch die Liebe zu Gott frei gemacht werden müssen. Sonst wären wir nichts als Maschinen und Automaten dieser Allmacht Gottes.
   10] Der Herr aber hat darum aus Seiner endlosesten Weisheit geordnete Wege gestellt, die wir wandeln müssen, um zu dieser göttlichen Freiheit zu gelangen. Diese Wege waren euch bis jetzt unbekannt, ich aber werde sie euch nun bekanntgeben. Daher müßt ihr wohl darauf achten, und euch genau - aber freiwillig - auf diesen Wegen halten. Dann werdet ihr dahin gelangen, wohin zu gelangen ein jeder von Gott geschaffene Geist berufen ist.
   11] Es wird euch von nun an alle erdenkliche Freiheit gegeben werden. Was ihr immer wünschen und wollen werdet, wird euch zuteil werden. Aber diese Freiheit ist noch keine Freiheit, sondern nur eine Prüfung, die ihr zu verstehen, aber ja nicht zu mißbrauchen habt!
   12] Es werden euch tausende Evas den versuchenden Apfel hinhalten, aber ihr dürft ihn aus Liebe zum Herrn nicht anrühren!
   13] Ihr werdet verleumdet und verspottet werden, aber da dürft ihr euch nie erzürnen oder an eine böse Vergeltung denken!
   14] Man wird euch verfolgen, wird euch berauben, und mißhandeln sogar. Aber eure Gegenwehr sei nichts als Liebe, obschon euch alle Mittel zu Gebote stehen werden, durch die ihr euch zur Genüge rächen könntet!
   15] Gedenkt allezeit des Herrn und Seines Evangeliums, so werdet ihr eure Wohnung für die Ewigkeit auf festem Grunde bauen, daß sie nimmer erschüttert wird.
   16] Ich sage euch die ewige Wahrheit aus Gott, dem Herrn alles Seins und Lebens. Wer da nicht erfüllt das Wort Gottes in sich tatsächlich, der kann in Sein Reich nicht eingehen!
   17] Jeder muß der Demut engste Pforte passieren und muß dem Herrn alles anheimstellen. Nichts als die alleinige Liebe, mit der tiefsten Demut gepaart, darf uns bleiben! Uns darf nichts beleidigen. Wir dürfen nie denken und sagen, dies und jenes gebühre uns irgend mit Recht. Denn wir alle haben nur ein Recht, nämlich das Recht der Liebe und der Demut. Alles andere ist ganz allein des Herrn!
   18] Wie aber der Herr Selbst Sich bis auf den äußersten Punkt gedemütigt hat, also müssen auch wir es tun, so wir dahin kommen wollen, wo Er ist.
   19] Wer dir eine Ohrfeige gibt, dem erwidere sie nicht, sondern halte ihm noch die andere Wange hin, auf daß Friede und Einigkeit herrsche unter euch! Wer von dir den Mantel verlangt, dem gib auch den Rock dazu! Wer dich zu einer Stunde Geleit nötigt, mit dem gehe zwei Stunden, auf daß du ihm Liebe erweisest im Vollmaße! Den Feind segne, und bete für die, so dich verfluchen! Nie vergelte jemand Böses mit Bösem und Schlechtes mit Schlechtem, sondern tut denen Gutes, die euch hassen - so werdet ihr wahrhaft Kinder Gottes sein!
   20] Solange ihr aber euer Recht irgend anderwärts suchet als allein nur im Worte Gottes, solange ihr noch der Beleidigung Stachel in euch tragt, ja, solange ihr der Meinung seid, es geschehe euch in diesem oder jenem ein Unrecht - so lange seid ihr noch Kinder der Hölle und des Herrn Gnade ist nicht in euch.
   21] Gottes Kinder müssen alles ertragen können, alles erdulden! Ihre Kraft sei allein die Liebe zu Gott und die Liebe zu ihren Brüdern, ob sie gut oder böse sind.
   22] Wenn sie darin fest sind, dann auch sind sie vollkommen frei und fähig, in das Reich Gottes aufgenommen zu werden.
   23] Ich weiß aber, daß ihr alle Priester wart und Nonnen der Gemeinde Roms, die da ist die allerfinsterste. Ich weiß auch, daß sich einige von euch darauf heimlich noch viel zugute tun. Aber da sage ich euch: daran denke niemand von euch, was er auf der Erde war und getan hat! Denn so jemand daran denkt, daß er Gutes getan hat, wird der Herr auch daran denken, wieviel Böses jemand von euch getan hat, und wird ihn richten nach seinen Werken! Wer aber vom Herrn gerichtet wird, der wird gerichtet zum Tode und nicht zum Leben; denn das Gericht ist der Tod der Seele in der ewigen Knechtschaft ihres Geistes!
   24] So aber der Herr spricht: 'Wenn ihr alles getan habt, so bekennt, daß ihr nutzlose Knechte wart!' - um wieviel mehr müßt ihr an euch das bekennen, die ihr doch alle nie das Evangelium nur im geringsten in euch, an euch und noch weniger an euren Brüdern erfüllt habt!
   25] So habe ich nun zu euch geredet im Namen des Herrn und habe kein Wort dazugesetzt und keines weggenommen: Wie ich es empfangen habe vom Herrn, so habe ich es euch auch getreu kundgetan. Nun aber ist es an euch, das alles in den besten Vollzug zu bringen. Von nun an könnt ihr euch nimmer entschuldigen, als hättet ihr es nie gehört, so ihr wegen starrsinniger Nichtbefolgung dem Gerichte verfallen würdet!
   26] Ist aber jemand guten Willens und fällt ob angestammter Schwäche, da bin ich und dieser Bruder da, im Namen des Herrn jedermann aufzuhelfen!
   27] Ihr seht nun, daß von euch allen vorerst nur der gute Wille gefordert wird, dann erst das Werk!
   28] Seid also alle voll des Willens zum Guten, so wird man es mit dem Werke so genau nicht nehmen, da ein guter Wille schon als ein Werk des Geistes zu betrachten ist!
   29] Wehe aber jedem von euch, der da wäre in sich geheim hinterlistigen, bösen Willens und täte nur äußerlich, als hätte er einen guten Willen! Ich sage euch aus der Kraft des Herrn, die mich nun durchweht wie ein mächtigster Orkan einen Wald: ein solcher würde jählings zur Hölle getrieben werden und geworfen in den Pfuhl des ewigen Verderbens - wie da ein Stein fällt vom Himmel in den Abgrund des Meeres, von wo aus er nicht wieder genommen wird, sondern liegenbleibt im Pfuhle und Schlamme des Gerichtes!
   30] Nun wißt ihr, was ihr zu tun habt, um als wahre Kinder des Herrn in Sein Reich zu gelangen. Tut alle danach, so werdet ihr leben!
   31] Ich und dieser euer erster Freund aber werden, wennschon nicht allzeit sichtbar, hinter euch uns befinden und werden euch aufhelfen, so jemand von euch fiele in seiner Schwäche. Aber der da fiele in seiner Bosheit, dem wird nicht geholfen werden, außer durch Gleiches mit Gleichem! Fragt aber nicht, wo wird der Ort solcher unserer Prüfung sein? Ich sage euch: Hie und da, und wenn ihr es am wenigsten gedenkt, auf daß eure Freiheit nicht gestört werde! Der Herr sei mit euch und mit uns! Amen!«
   32] Spricht Bischof Martin: »Bruder, du hast hier wirklich rein aus dem Herrn geredet, und wahr ist alles auf ein Haar. Aber mich hat es auch ganz sonderlich ergriffen, denn ich selbst habe noch viele Punkte darin gefunden, die mich sehr nahe angehen!«
   33] Spricht Borem: »So wird es dir sicher keinen Schaden bringen, so du sie auch beachtest! Denn zu der schönen Merkurianerin möchte ich dich ganz allein noch nicht lassen! Verstehst mich, Bruder?«
   34] Spricht Bischof Martin: »Hast recht, hast recht. Weißt, so'n bißchen Vieh bin ich noch immer; aber ich hoffe, nun wird sich's wohl ändern!«


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