Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

12. Kapitel: Bischof Martin am Tiefpunkt. Kein Vorwärts und kein Rückwärts mehr. Aufnahme durch ein Schiff. Martins Dankrede an den Schiffsführer, der Jesus selbst ist.

Originaltext 1. Auflage 1896 durch Project True-blue Jakob Lorber

Text u. Versnummerierung nach 3. Auflage 1960 Lorber-Verlag

01] Nach einer langen Pause, in der er doch etwas furchtsam die so kühn beschimpfte und am Ende sogar herausgeforderte Gottheit erwartete, beginnt er wieder folgendes, etwas dumpfere Gespräch mit sich selbst an, das da also lautet:

02] (Martin) „Nichts, nichts und abermals nichts; ich kann herausfordern wen ich will, schmähen, wen ich will, gröblichst beschimpfen, wen ich nur immer will, hier gibt es Niemanden, hier hört mich Niemand, ich bin wie ein alleiniges sich selbst bewußtes Leben in der ganzen Unendlichkeit!

03] Aber ich kann ja doch nicht allein sein! Die vielen tausend mal tausend Millionen von Menschen auf der Erde, die so wie ich geboren wurden, gelebt haben, und wieder gestorben sind; wo sollen denn diese hingekommen sein? haben sie etwa gänzlich aufgehöret zu sein, oder haben sie irgend in all den zahllosen Punkten der ganzen Unendlichkeit, von einander endlos weit entfernt, etwa mit mir ein gleiches Eselsloos? Das scheint mir wohl das allerwahrscheinlichste zu sein. Denn mein einstiger Führer, und darauf die schönen Schäflein und Lämmlein waren doch ein sicherer Beweis, daß es in dieser rein endlosen Welt wohl noch irgend Menschen giebt; aber wo, wo, wo! das ist eine ganz andere Frage!

04] Da hinaus über dieß endlose Meer wird es wohl sehr wenig Lebendiges mehr geben, aber höchst wahrscheinlich endlos weit hinter meinem Rücken! wenn ich nur zurück könnte, so möchte ich auch diesen Versuch machen, und würde sie aufsuchen; aber leider bin ich hier mit Wasser so sehr ringsum verrammelt, daß da eine Umkehr beinahe rein unausführbar erscheint!

05] Hier unter meinen Füßen ist's wohl noch trocken, und ich stehe noch auf einem, wenn schon sehr lockeren, aber mich dennoch mit genauer Noth tragenden Boden; aber so ich da den Fuß weiter setzen würde, entweder rück- oder vorwärts, wie würde es mir dann ergehen?! sicher würde ich in den bodenlosesten Abgrund hinabsinken, in dieß endlos große Wassergrab; darum muß ich hier schon hocken bleiben in alle Ewigkeit, was auf jeden Fall eine herrliche Unterhaltung für mich abgeben wird!

06] Ach wenn es hier doch so ein kleines aber sicheres Schiff gäbe, in das ich so ganz ungenirt einsteigen könnte, und lenken, wohin ich's wollte, welch eine Seligkeit wäre das doch für mich nun wahrhaftigst allerärmsten Teu- oho - nicht heraus, dieser Name soll nie über meine Lippen kommen! Es wird zwar an dem Teu—, nein - Gott steh uns bei, eben sowenig daran sein, als an der Gottheit selbst; aber der Begriff selbst an sich ist so häßlich, daß man ihn ehrlicher Maaßen wohl nicht leicht ohne einen gewissen heimlichen Schauder aussprechen kann!

07] Was sehe ich aber dort, am Wasserspiegel dort, nicht ferne von hier? Ist es etwa ein Ungeheuer? oder etwa gar ein Schiff? Siehe, siehe, du mein dürstend Auge, es kommt näher und näher! bei Gott, es ist im Ernste ein Schiff, ein recht nettes Schiff mit Segel und Ruder! Nein, wenn das herkäme, so müßte ich vom Neuen an einen Gott zu glauben anfangen; denn so was wäre ein zu auffallender Beweis gegen alles, was ich bisher geplaudert habe! richtig, richtig, es kommt stets näher und näher! Vielleicht hat es gar Jemanden an Bord? Ich werde um Hilfe schreien, vielleicht hört mich Jemand?!

08] (Martin, laut:) „He da! he da! zur Hilfe! hier harret derselben schon eine endlose Zeitendauer ein sehr unglücklicher Bischof, der einst auf der Welt einen sehr großen Herrn gespielt hat, nun aber hier in dieser Geisterwelt in die größte Armseligkeit versunken ist, und weiß sich nimmer zu helfen und zu rathen! O Gott, o Du mein großer allmächtiger Gott, so Du irgend Einer bist, helfe mir, helfe mir!!!"

09] Nun sehet, das Schiff nähert sich behende dem Ufer, wo unser Mann sich befindet; an Bord ersehet ihr auch einen gewandten Schiffer, Der Ich Selbst es bin, und hinter unserem Manne den Engel P., der nun, da das Schiff ans Ufer stoßt, samt diesem unserem Bischöfe, ganz behende das Schiff besteigt.

10] Der Bischof aber ersieht blos Mich, als den Schiffsmann, aber den Engel P. ersieht er noch immer nicht, weil dieser stets hinter ihm einhergeht. Er geht, wie ihr es leicht merken könnet, überaus freundlichen Angesichts schnurgerade auf Mich zu, und spricht:

11] (Martin) „Welch ein Gott, oder welch sonst für ein anderer guter Geist machte es denn, daß Du mit Deinem Schifflein auf diesem endlos großen Meere dich gerade in diese Gegend verirrtest, oder leicht wohl gar geflissentlich hieher lenktest, wo ich eine gar so undenklich lange Zeit der Erlösung harrete?! Bist Du etwa gar ein Lotse in dieser Geisterwelt, oder sonst ein Rettungsmann? Menschen Deines Gleichen müssen hier unglaublich selten sein, indem ich jetzt wohl seit einer undenklichen Zeitdauer aber auch nicht die allerleiseste Spur von irgend einem Menschen entdeckt und gesehen habe.

12] O Du holdseligster liebster Freund Du; Du scheinst mir von einer viel besseren Natur zu sein, als Einer, der vor einer undenklich langen Zeit sich mir als Führer in dieser Welt von selbsten aufdrang, um mich auf irgend einen rechten Weg zu bringen! Aber das war Dir ein Führer non plus ultra! Gott der Herr mag es ihm verzeihen; denn er führte mich nur durch eine kurze Zeit, und da zu lauter Schlechtem.

13] Einmal mußte ich mein Bischofskleid, das ich - Gott weiß es wie - von der Welt mit herübernahm, ablegen, und dafür diese gegenwärtige Bauernkleidung anziehen, die wohl aus einem allerbesten Stoffe verfertigt sein muß, ansonst sie selbst bei einem allerruhigsten Verhalten unmöglich Millionen von Erdjahren gedauert hätte!

14] Mit dieser Bescheerung aber wäre ich noch so leidentlich zufrieden gewesen, natürlich mit der Hoffnung auf eine bessere Bescheidung dieses meines geisterweltlichen Schicksales; allein, was that Dir dieser Held von einem Führer, er selbst dingte unter manchen moralischen Sentenzen mich zu einem Hirten seiner Schafe und Lämmer.

15] Ich nahm den Dienst bereitwilligst an, obschon auf einem lutherischen Boden, gehe mit einem dicken Namenbuche seiner Heerde hinaus, und wollte thun, wie er es mir angezeigt hatte; allein da sieh, aus der Heerde der Schafe und Lämmer wurden Dir lauter bildschönste Mädchen; von Schafen und Lämmern war keine Spur!

16] Ich hätte die Namen der Schafe und Lämmer aus dem Buche verlesen sollen; aber es kamen keine solchen Thiere in der ganzen Gegend woher, die ich doch vorher deutlich aus dem Hause dieses lutherischen Führers gesehen habe;

17] wohl aber kamen, ohne sich aus dem Buche rufen zu lassen, diese schönsten Mädchen, wie man zu sagen pflegt, haufenweise zu mir, und scherzten um mich her, und küßten mich sogar, und eine, die gar Allerschönste, hat sich gar über mich her mit beiden Armen ausgebreitet, und hat mich mit einer so bezaubernden Anmuth an ihre zarte Brust gedrückt, daß ich darob in ein solches Gefühlsdulzissimum kam, wie ich etwas Aehnliches auf der Welt wohl nie empfunden habe!

18] Die ganze Geschichte war im Grunde sicher nicht schlecht, besonders für einen Neuling in dieser Welt! Denn was wußte ich vorher, daß ich statt der Schafe und Lämmer solche Mädchen würde in meine Obhut bekommen?

19] Aber da war wie von einem Blitze herbeigeführt auch schon mein „schöner" Führer bei der Hand, und machte mir darob eine Predigt, die dem Martin Luther keine Schande gemacht hätte, und gab mir unter manchen Androhungen neue, aber noch dümmere und lästigere Vorschriften, die ich auf das strengste hätte befolgen sollen, und die sämtlichen Schafe und Lämmer am Ende auf einen angezeigten Berg bringen;

20] allein ich, mit diesem etwas sonderlichen Auftrage bei mir eben nicht sehr zufrieden, bekam darauf weder den Führer noch die Heerde zu Gesichte, wartete Gott weiß wie viele Millionen Jahre, allein umsonst; wollte endlich das Buch meinem saubern Dienstgeber ins Haus zurückstellen; allein das Buch, wahrscheinlich eine Art geistiger Automat, empfahl sich von selbst, nebst der ganzen Gegend, und ich empfahl mich endlich auch, und ging, kam hieher, und konnte nicht mehr weiter, schimpfte eine Zeit lang, was ich nur konnte, verzweifelte nahe völlig, da sich durch eine so endlos lange Dauer von keiner Seite her eine Spur von irgend einer Rettung zeigte.


21] Endlich kamst Du, als ein wahrhaftiger göttlicher Rettungsengel hieher, und hast mich in Dein sicheres Fahrzeug aufgenommen! Nimm meinen möglichst größten Dank dafür hin! Hätte ich was, womit ich es Dir vergelten könnte, o wie süß wäre das meinem Dir ewig dankbarsten Herzen; aber Du siehst, daß ich hier ärmer bin als alles, das der Mensch nur immer als arm bezeichnen kann, und außer mir nichts besitze; daher begnüge Dich für solche Deine große Freundschaft mit meinem Danke und mit mir selbst, so Du mich zu irgend einem Dienste gebrauchen und verwenden kannst.

22] O Gott, o Gott, wie ruhig und wie sicher, und wie schnell schwimmt Dein Fahrzeug über den brausenden Wogen dieses endlosen Meeres, und welch ein angenehmes Gefühl! O Du lieber Freund Du, o Du göttlicher Freund! jetzt sollte mein einstiger sehr bornirter Führer da sein, da möchte es sich denn doch der Mühe lohnen, Dich ihm vorzustellen, und zu zeigen, was ein rechter Führer und Retter für ein Gefühl haben müsse, so er ein Führer sein will! War wohl auf der Welt selbst einmal ein Führer, aber da schweige ich! O Dank Dir, Dank! wie herrlich geht das Schifflein?"

01] Nach einer langen Pause, in der er doch etwas furchtsam die so kühn beschimpfte und sogar herausgeforderte Gottheit erwartete, beginnt er wieder folgendes, etwas dumpfere Gespräch mit sich selbst:


02] (Bischof Martin:) »Nichts, nichts und abermals nichts! Ich kann herausfordern, wen ich will; schmähen, wen ich will; gröblichst beschimpfen, wen ich nur immer will; hier gibt es niemanden, hier hört mich niemand, ich bin wie ein alleiniges, sich selbst bewußtes Leben in der ganzen Unendlichkeit!

03] Aber ich kann ja doch nicht allein sein! Die vielen tausendmal tausend Millionen von Menschen auf der Erde, die so wie ich geboren wurden, gelebt haben und wieder gestorben sind, wo sollen denn diese hingekommen sein? Haben sie etwa gänzlich aufgehört zu sein, oder haben sie in all den zahllosen Punkten der ganzen Unendlichkeit, voneinander endlos weit entfernt, etwa mit mir ein gleiches Eselslos? - Das scheint mir wohl das Allerwahrscheinlichste zu sein! Denn mein einstiger Führer und darauf die schönen Schäflein und Lämmerlein waren doch ein sicherer Beweis, daß es in dieser rein endlosen Welt wohl noch irgend Menschen gibt! Aber wo, wo, wo? Das ist eine andere Frage!

04] Da hinaus über dies endlose Meer wird es wohl sehr wenig Lebendiges mehr geben - aber höchstwahrscheinlich endlos weit hinter meinem Rücken! Wenn ich nur zurück könnte, so möchte ich auch diesen Versuch machen und würde sie aufsuchen! Aber leider bin ich hier mit Wasser ringsum so sehr verrammelt, daß eine Umkehr beinahe unausführbar erscheint.

05] Hier unter meinen Füßen ist's zwar noch trocken, und ich stehe noch auf einem, wennschon sehr lockeren, aber mich dennoch mit genauer Not tragenden Boden. So ich aber den Fuß weitersetzen würde, entweder rück- oder vorwärts, wie würde es mir dann ergehen? Sicher würde ich in den bodenlosesten Abgrund hinabsinken, in dies endlos große Wassergrab! Darum muß ich hier schon hocken bleiben in alle Ewigkeit, was auf jeden Fall eine herrliche Unterhaltung für mich abgeben wird!

06] Ach, wenn es hier doch so ein kleines, aber sicheres Schiff gäbe, in das ich so ganz frei einsteigen könnte, und das ich lenken könnte, wohin ich's wollte: welch eine Seligkeit wäre das doch für mich nun wahrhaftig allerärmsten Teu - - oho, nicht heraus; dieser Name soll nie über meine Lippen kommen! Es wird zwar an dem Teu -, nein 'Gottstehunsbei' ebensowenig daran sein wie an der Gottheit selbst; aber der Begriff an sich ist so häßlich, daß man ihn ehrlichermaßen nicht leicht ohne gewissen heimlichen Schauder aussprechen kann!


07] Was sehe ich aber dort auf dem Wasserspiegel, nicht ferne von hier? Ist es etwa ein Ungeheuer - oder etwa gar ein Schiff? Siehe, du mein dürstend Auge, es kommt näher und näher! Bei Gott, es ist im Ernste ein Schiff, ein recht nettes Schiff mit Segel und Ruder! Nein, wenn das herkäme, so müßte ich von neuem an einen Gott zu glauben anfangen; denn so was wäre ein zu auffallender Beweis gegen alles, was ich bisher geplaudert habe! Richtig, es kommt stets näher und näher! Vielleicht ha es gar jemanden an Bord? Ich werde um Hilfe schreien: vielleicht hört mich jemand?!

08] (laut:) He da! He da! Zu Hilfe! Hier harrt schon eine endlose Zeitendauer ein unglücklicherBischof, der einst auf der Welt einen sehr großen Herrn gespielt hat, nun aber in dieser Geisterwelt in größte Armseligkeit versunken ist und sich nimmer zu helfen und zu raten weiß! O Gott, o Du mein großer allmächtiger Gott, so Du irgend Einer bist, hilf mir, hilf mir!«

09] Nun seht, das Schiff nähert sich behende dem Ufer, wo unser Mann sich befindet! An Bord erseht ihr auch einen gewandten Schiffer, der Ich selbst bin, und hinter unserem Mann den Engel Petrus, der nun, da das Schiff ans Ufer stößt, samt unserem Bischof behende das Schiff besteigt.

10] Der Bischof aber ersieht bloß Mich als den Schiffsmann, den Engel Petrus erblickt er noch immer nicht, weil dieser stets hinter ihm wandelt. Er geht nun überaus freundlichen Angesichts schnurgerade auf Mich zu und spricht:

11] »Welch ein Gott oder sonst ein anderer guter Geist machte es denn, daß du mit deinem Schifflein auf diesem endlos großen Meere dich gerade in diese Gegend verirrtest oder gar geflissentlich hieher lenktest, wo ich eine undenklich lange Zeit der Erlösung harrte? Bist du etwa gar ein Lotse in dieser Geisterwelt oder sonst ein Rettungsmann? Menschen deinesgleichen müssen hier unglaublich selten sein, indem ich jetzt seit einer undenklichen Zeitdauer aber auch nicht die allerleiseste Spur von irgendeinem Menschen entdeckt habe!


12] O du holdseligster, liebster Freund! Du scheinst mir viel besserer Natur zu sein als einer, der vor undenklich langer Zeit sich mir als ein Führer in dieser Welt von selbst aufdrang, um mich auf einen rechten Weg zu bringen! Aber das war dir ein Führer non plus ultra! Gott der Herr mag es ihm verzeihen; denn er führte mich nur eine kurze Zeit hindurch, und da zu lauter Schlechtem!

13] Einmal mußte ich mein Bischofskleid, das ich Gott weiß wie von der Welt mit herübernahm, ablegen und dafür diese gegenwärtige Bauernkleidung anziehen, die muß wohl aus einem allerbesten Stoffe verfertigt sein, ansonst sie selbst bei meinem ruhigsten Verhalten unmöglich Millionen von Erdenjahren gedauert hätte!

14] Mit dieser Bescherung aber wäre ich noch so leidlich zufrieden gewesen, natürlich mit der Hoffnung auf ein besseres Schicksal. Allein, was tat da dieser Held von einem Führer? Er selbst dingte unter manchen moralischen Sentenzen mich zu einem Hirten seiner Schafe und Lämmer!


15] Ich nahm den Dienst bereitwilligst an - obschon auf einem lutherischen Boden -, ging mit einem dicken Namenbuche seiner Herde hinaus und wollte tun, wie er mir angezeigt hatte; allein siehe da, aus der Herde der Schafe und Lämmer wurden lauter bildschöne Mädchen! Von Schafen und Lämmern war keine Spur mehr!


16] Ich hätte ihre Namen aus dem Buch verlesen sollen, aber es kamen keine solchen Tiere in der ganzen Gegend vor, die ich vorher deutlich aus dem Hause dieses lutherischen Führers gesehen hatte!


17] Wohl aber kamen, ohne sich aus dem Buche rufen zu lassen, diese schönsten Mädchen haufenweise zu mir und scherzten um mich her und küßten mich sogar. Und eine, die allerschönste, hat sich gar über mich mit beiden Armen ausgebreitet und mich mit einer so bezaubernden Anmut an ihre überzarte Brust gedrückt, daß ich darob in einen solchen Gefühlsdusel kam, wie ich etwas Ähnliches auf der Welt wohl nie empfunden habe.


18] Die ganze Geschichte war im Grunde sicher nicht schlecht, besonders für einen Neuling in dieser Welt; denn wußte ich vorher, daß ich statt der Schafe und Lämmer solche Mädchen würde in meine Obhut bekommen?

19] Aber da war, wie von einem Blitze herbeigeführt, auch schon mein schöner Führer bei der Hand und machte mir darob eine Predigt, die dem Martin Luther keine Schande gemacht hätte. Er gab mir unter manchen Androhungen neue, aber noch dümmere und luftigere Vorschriften, die ich auf das strengste hätte befolgen sollen und die sämtlichen Schafe und Lämmer am Ende auf einen angezeigten Berg bringen!

20] Allein ich, mit diesem etwas sonderlichen Auftrag eben nicht sehr zufrieden, bekam darauf weder den Führer noch die Herde zu Gesichte, wartete Gott weiß wie viele Millionen Jahre, - allein umsonst; wollte endlich das Buch meinem saubern Dienstgeber ins Haus zurückstellen. Allein das Buch, wahrscheinlich eine Art geistiger Automat, empfahl sich von selbst, nebst der ganzen Gegend; und ich empfahl mich endlich auch und ging. Ich kam hierher und konnte nicht mehr weiter, schimpfte eine Zeitlang, was ich nur konnte und verzweifelte endlich völlig, da sich durch eine so lange Dauer von keiner Seite her eine Spur irgendeiner Rettung zeigte.

21] Endlich kamst du als ein wahrhaftiger göttlicher Rettungsengel hierher und hast mich in dein sicheres Fahrzeug aufgenommen! Nimm meinen möglichst größten Dank dafür hin! Hätte ich etwas, womit ich es dir vergelten könnte, wie süß wäre das meinem dir ewig dankbarsten Herzen! Aber du siehst, daß ich hier ärmer bin als alles, das der Mensch nur immer als arm bezeichnen kann, und außer mir nichts besitze. Daher begnüge dich für deine große Freundschaft mit meinem Danke und mit mir selbst, so du mich zu irgendeinem Dienste gebrauchen kannst!

22] O Gott, o Gott, wie ruhig und wie sicher und wie schnell schwimmt dein Fahrzeug über den brausenden Wogen dieses endlosen Meeres, und welch ein angenehmes Gefühl! O du lieber, göttlicher Freund, jetzt sollte mein einstiger sehr bornierter Führer da sein! Da möchte es sich denn doch der Mühe lohnen, dich ihm vorzustellen und zu zeigen, was ein rechter Führer und Retter für ein Gefühl haben müsse, so er ein Führer sein will! Ich war wohl auf der Welt selbst einmal ein Führer, aber - da schweige ich! O Dank dir! Dank! Wie herrlich geht das Schifflein!«

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