Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

8. Kapitel: Bischof Martins kritisches Selbstgespräch und Sündenbekenntnis.

Originaltext 1. Auflage 1896 durch Project True-blue Jakob Lorber

Text u. Versnummerierung nach 3. Auflage 1960 Lorber-Verlag

01] Ganz allein nun wieder auf der Wiese, fängt er nach einer Weile mit sich selbst folgenden Discurs zu führen an, der da also lautet:

02] (B. Martin): „Wo ist er denn jetzt hin, mein Führer? Ein sauberer Führer das, wenn man ihn am nöthigsten brauchen würde, da verschwindet er, und ist nun Gott weiß wo! Nur so man irgend gefehlt hätte, da ist er in einem Nu da; - eine Eigenschaft, die ich am allerwenigsten leiden kann! - Entweder bei einem bleiben, und führen auf solchen unsicheren Wegen wie diese geisterweltischen da sind, oder er solle sich packen für ewig von mir, so er nur dann zu mir kommt, wenn ich schon irgend gesündigt hätte! O solche Narren gäbe es mehrere!

03] Will er mich der Seligkeit zuführen, so bleibe er bei mir sichtbar, sonst ist seine Führerschaft nicht 's Anpissen werth! - na warte du lutherischer Versteckpatron von einem Führer, du sollst an mir einen Knochen zu nagen bekommen, daß dir alle deine Geduld vergehen solle! Was kann mir denn nun noch mehr geschehen? Luth'raner bin ich, nach der Lehre Roms vollkommen zur Hölle, reif, vielleicht ohne daß ich's merke, schon darinnen?!

04] Daher laß die schönen Lämmer nur noch einmal zu mir kommen, ich werde ihnen zwar kein Wolf in Schafskleidern sein, aber ein Liebhaber voll Feuer, wie es keinen zweiten auf der Erde je gegeben hat! Meine Hand werde ich nie gegen sie erheben, und sie auch aus diesem Buche nicht verlesen, auf daß sie ja nicht mehr fliehen sollen vor mir. Ich will mich zwar auch nicht mehr so weit vergessen mit Einer oder der Andern; aber von der Hand-Aufhebung und vom Vorlesen soll an mir keine Spur zu entdecken sein; und kommt er dann etwa wie aus irgend einem Schlupfwinkel zum Vorscheine, da solle er's sehen, wie ein Bischof von der Erde reden kann, so er es will!

05] Wo etwa nur die lieben Engerl so lange bleiben? denn bis jetzt ist noch keine Spur von ihnen irgendwo zu entdecken! Ich merke aber nun auch an Mir, daß ich nun viel muthiger und kecker geworden bin; daher nur her mit euch ihr lieben Engerl, ihr sollet an mir nun schon den rechten Mann finden, keinen Feigling mehr, sondern einen Helden, und das was für einen Helden!

06] Aber noch immer weilen sie irgendwo! Es ist doch schon eine geraume Zeit, seit mein Führer mich verließ, und noch immer keine Seele irgend wo zu entdecken! Was soll' denn das sein, hat mich etwa gar mein sauberer Führer so hübsch angesetzt etwa für alle ewige Zeiten?! Die Geschichte riecht so hübsch stark darnach! Mir kommt schon wieder vor, als wenn, seit er mich verließ, schon so einige Dutzend Jährle verstrichen wären, es werden etwa gar wieder Millionen herauswachsen?

07] Es ist dieß Geisterweltleben schon ein wahres Sauleben; man steht da wirklich wie ein Ochse am Berge; alles ist so dunstig, kein rechtes Licht; alles ist das nicht, als was es sich zeigt; der Stein, auf dem ich nun schon eine geraume Zeit der Schafe und Lämmer harre, ist sicher auch etwas ganz anderes, als was er zu sein scheint; auch die lieben Engerl! - Gott weiß, wo und was sie so ganz eigentlich sind? Wahrscheinlich - Nichts! denn wären sie was, da müßten sie schon da sein; ja, ja, es ist alles nichts, was da ist; mein Führer auch, sonst könnte er ja doch unmöglich so schnell in ein reinstes Nichts verschwinden?

08] Am meisten finde ich dieses Leben dem Traumleben ähnlich; da hat es mir auch oft von allerlei dummen Dingen geträumt, von allerlei Metamorphosen; was waren sie aber? Nichts, nichts, in Bildern ausgeprägt von der fantastischen Einbildungskraft der Seele! Also ist nun auch dieß Leben nichts als ein eitler, leerer, höchst wahrscheinlich ewiger Traum; bloß dies mein Raisonnement scheint wirklich von einem Gehalte zu sein; alles andere aber ist nichts, als ein elendes Fantasiestück der Seele. Nun warte ich schon sicher bei 200 Jahre hier auf die Lämmer und Schafe; aber es ist keine Spur irgend von ihnen zu entdecken!

09] Was mich aber dennoch wundert, daß in dieser Fantasiewelt dieß Buch, diese meine Bauernkleidung, auch diese Gegend samt dem lutherischen Haus und Tempel so ganz unverändert ihre Gestalt behalten?! Diese Geschichte ist allerdings etwas spaßig!? etwas scheint an der Sache doch zu sein; aber wie viel, das ist eine andere Frage.

10] Oder solle etwa doch das nicht recht sein, daß ich nicht gleich Anfangs den Sinn faßte, seiner Lehre feste Folge zu leisten? So er aber ein rechter Führer ist, hätte er mir's denn nicht sogleich verweisen können, anstatt daß er sich sogleich mir und dir nichts wurz aus dem Staube machte?! Hat er denn nicht gesagt, daß, so ich noch einmal fiele, ich dann in einen großen Schaden käme, an dem ich im Ernste mehrere Hunderte von Erdjahren dann werde zu lecken haben? Bin ich denn aber schon auch wirklich gefallen? Mit dem Gedanken und bloßen Willen freilich wohl, aber im Werke unmöglich, weil die gewissen Engerl gar nicht zum Vorschein gekommen sind.

11] Vielleicht aber sind etwa diese darum nicht erschienen, weil ich solche Gedanken, und solchen Willen hatte?! Das konnte sehr leicht sein! Wenn ich aber nur solche Gedanken los werden könnte! Warum mußten sie aber auch gar so entsetzlich schön und reizend sein? Da habe ich mich einmal ordentlich eingetunkt. Jetzt heißt es denn warten, bis sich meine dummen Gedanken legen werden, und der Wille mit ihnen!

12] Das seh ich aber schon ein, nun wenn das eine Prüfung meiner Hauptschwäche ist, so wird es mit mir einen ganz verzweifelten Haken haben; denn in diesem Punkte war ich auch auf der Welt insgeheim ein Vieh in optima forma! Ja, wenn ich da so eine recht üppige Dirne sah, so gings mir---------taceas! (schweig). Wie Viele habe ich----------- taceas de rebus praetoritis! (schweig von den erdweltlichen Dingen) schöne junge Nonnen! - taceas, taceas! - o das waren selige Zeiten; - aber nun taceas!

13] Wie strenge war ich im Beichtstuhle gegen die Beichtkinder, und wie lau gegen mich! leider, leider, es war nicht recht; aber wer außer Gott, hat Kraft, der Macht der Natur zu widerstehen?

14] Wenn das saudumme Cölibat nicht wäre, und ein Bischof der Mann eines ordentlichen Weibes wäre, wie es meines Wissens Paulus auch ausdrücklich verlangte, da hätte man mit dem Fleische doch sicher einen leichteren Kampf; aber da lebt so ein Bischof stets wie ein Adam vor den Segnungen des Erkenntnißbaumes mit der verführerischen Eva in einem gewissen - Paradiese, und kann sich an dem dargereichten Apfel nimmer satt fressen!

15] O Lumperei, o große Lumperei! Es ist nun einmal also, wer kann's ändern? - Der Schöpfer allein, so Er es will; ohne Ihn aber bleibt der Mensch, besonders aus meinem Gelichter, schon allzeit und ewig ein Vieh, und das ein recht abscheulichstes Vieh!

16] Herr sei mir gnädig und barmherzig! Ich sehe schon, so Du an mich nicht Deine Hand legen wirst, wirds mit mir schwer weiter gehen; denn ich bin ein Vieh, und mein Führer ein eigensinniger Tropf, vielleicht gar Luthers Geist; da wird es nicht gehen. Geduld, verlaß mich nicht. Schon wieder 1000 Jahre auf einem Flecke!"

17] Nun verstummt er endlich und harret der Schafe und Lämmer. (23. August 1847)

01] Ganz allein nun wieder auf der Wiese, fängt er nach einer Weile mit sich selbst folgenden Monolog zu führen an:

02] (Bischof Martin:) »Wo ist er denn jetzt hin, mein Führer? Ein sauberer Führer das; wenn man ihn am nötigsten bräuchte, verschwindet er und ist nun Gott weiß wo! - Nur wenn man irgend gefehlt hätte, da ist er im Nu da - eine Eigenschaft, die ich am allerwenigsten leiden kann! Entweder bei einem bleiben und ihn führen auf solch unsicheren Wegen, wie diese geisterweltischen da sind, oder - er soll sich packen für ewig von mir, so er nur dann zu mir kommt, wenn ich schon irgend gesündigt hätte! O solche Narren gäbe es mehrere!


03] Will er mich der Seligkeit zuführen, so bleibe er sichtbar bei mir, sonst ist seine Führerschaft überhaupt nichts wert! Na warte, du lutherischer Versteckpatron von einem Führer, - du sollst an mir einen Knochen zu nagen bekommen, daß dir alle deine Geduld vergeht! Was kann mir denn noch mehr geschehen? Lutheraner bin ich, nach der Lehre Roms vollkommen zur Hölle reif - vielleicht, ohne daß ich's merke, schon darinnen?!


04] Daher laß die schönen Lämmer nur noch einmal zu mir kommen! Ich werde ihnen zwar kein Wolf im Schafskleide sein, aber ein Liebhaber voll Feuer, wie es keinen zweiten auf der Erde je gegeben hat! - Meine Hand werde ich nimmer gegen sie erheben und sie auch aus diesem Buche nicht verlesen, auf daß sie nicht mehr fliehen sollen von mir. Ich will mich zwar auch nicht mehr so weit vergessen mit einer oder der andern; aber von der Handaufhebung und vom Verlesen soll an mir keine Spur zu entdecken sein! Und kommt er dann etwa wie aus einem Schlupfwinkel zum Vorscheine, da soll er sehen, wie ein Bischof von der Erde reden kann, so er es will! -

05] Wo etwa nur die lieben Engerln so lange bleiben? Bis jetzt ist noch keine Spur von ihnen irgendwo zu entdecken. Ich merke aber nun auch an mir, daß ich nun viel mutiger und kecker geworden bin! Daher nur her mit euch, ihr lieben Engerln, ihr sollet an mir nun schon den rechten Mann finden, keinen Feigling mehr, sondern einen Helden, und was für einen Helden!

06] Aber noch immer weilen sie irgendwo! Es ist doch schon eine geraume Zeit, seit mein Führer mich verließ, und noch immer keine Seele irgendwo zu entdecken! Was soll denn das sein? Hat mich etwa gar mein sauberer Führer so hübsch angesetzt für alle ewige Zeiten? Die Geschichte riecht hübsch stark darnach! Mir kommt schon wieder vor, als wenn so einige Dutzend Jahre verstrichen wären, seit er mich verließ. Es werden etwa gar wieder Millionen herauswachsen?

07] Es ist dies Geisterweltleben schon ein wahres Sauleben! Man steht da wirklich wie ein Ochse am Berge: Alles ist so dunstig; kein rechtes Licht! Alles ist das nicht, als was es sich zeigt! Der Stein, auf dem ich nun schon eine geraume Zeit der Schafe und Lämmer harre, ist sicher auch etwas ganz anderes, als er zu sein scheint! Auch die lieben Engerln: Gott weiß, wo und was sie so ganz eigentlich sind? Wahrscheinlich - nichts! Denn wären sie etwas, so müßten sie schon da sein! Ja, ja, es ist alles nichts, was da ist! Mein Führer auch; sonst könnte er doch unmöglich so schnell ins reinste Nichts verschwinden!

08] Am meisten finde ich dieses Leben dem Traumleben ähnlich. Da hat es mir auch oft von allerlei dummen Dingen geträumt, von allerlei Verwandlungen. Was waren sie aber? Nichts als Bilder, ausgeprägt von der phantastischen Einbildungskraft der Seele! Ebenso ist nun auch dieses Leben nichts als ein eitler, leerer, höchstwahrscheinlich ewiger Traum! Bloß diese meine Erwägungen scheinen wirklich von Gehalt zu sein; alles andere aber ist nichts als ein elendes Phantasiestück der Seele! Nun warte ich schon sicher bei 200 Jahre hier auf die Lämmer und Schafe, aber es ist keine Spur von ihnen zu entdecken!

09] Was mich aber dennoch wundert: daß in dieser Phantasiewelt dies Buch diese meine Bauernkleidung, auch diese Gegend samt dem lutherischen Haus und Tempel so ganz unverändert ihre Gestalt behalten? Diese Geschichte ist allerdings etwas spaßig. Etwas scheint an der Sache doch zu sein, aber wieviel, das ist eine andere Frage!

10] Oder sollte etwa doch nicht recht sein, daß ich gleich anfangs nicht gewillt war, seiner Lehre fest Folge zu leisten?! So er aber ein rechter Führer ist, hätte er mir's denn nicht gleich verweisen können, anstatt sich sogleich mir und dir nichts aus dem Staube zu machen! Hat er denn nicht gesagt, daß ich, so ich noch einmal fiele, dann in einen großen Schaden käme, an dem ich im Ernste mehrere Hunderte von Erdenjahren werde zu lecken haben? Bin ich denn aber wirklich schon gefallen? Mit dem Gedanken und bloßen Willen freilich wohl, aber im Werke unmöglich, weil die gewissen Engerln gar nicht zum Vorschein gekommen sind!


11] Vielleicht aber sind diese darum nicht erschienen, weil ich solche Gedanken und solchen Willen hatte? Das könnte sehr leicht sein! Wenn ich aber nur solche Gedanken loswerden könnte! Warum mußten sie auch gar so entsetzlich schön und reizend sein? Da habe ich mich einmal ordentlich eingetunkt! Jetzt heißt's denn warten, bis sich meine dummen Gedanken legen werden - und der Wille mit ihnen!

12] Das seh ich aber schon ein nun: Wenn das eine Prüfung meiner Hauptschwäche ist, so wird es mit mir einen ganz verzweifelten Haken haben; denn in diesem Punkte war ich auf der Welt insgeheim ein Vieh in optima forma! Ja, wenn ich da so eine recht üppige Dirne sah, so ging's mir - - - taceas (da schweige lieber)! Wie viele habe ich - - taceas de rebus praeteritis! (schweige lieber über die vergangenen Dinge) schöne junge Nonnen! Oh, das waren selige Zeiten, - aber nun taceas! (Schweige!)

13] Wie strenge war ich im Beichtstuhle gegen die Beichtkinder, und wie lau gegen mich! Leider, leider, es war nicht recht; aber wer außer Gott hat Kraft, der Macht der Natur zu widerstehen?

14] Wenn das saudumme Zölibat nicht wäre und ein Bischof der Mann eines ordentlichen Weibes wäre, wie es meines Wissens Paulus auch ausdrücklich verlangte, da hätte man mit dem Fleische doch sicher einen leichteren Kampf. Aber da lebt so ein Bischof stets wie ein Adam vor der Segnung des Erkenntnisbaumes mit der verführerischen Eva in einem gewissen Paradiese und kann sich an dem dargereichten Apfel nimmer satt fressen!

15] O große Lumperei! Es ist nun einmal so, wer kann's ändern? Der Schöpfer allein, so Er es will; ohne Ihn aber bleibt der Mensch - besonders aus meinem Gelichter! - schon allzeit und ewig ein Vieh, und das ein recht abscheulichstes Vieh!

16] Herr, sei mir gnädig und barmherzig! Ich sehe schon, so Du an mich nicht Deine Hand legen wirst, wird's mit mir schwer weitergehen; denn ich bin ein Vieh - und mein Führer ein eigensinniger Tropf, vielleicht gar Luthers Geist. Da wird es nicht gehen. Geduld, verlaß mich nicht; schon wieder tausend Jahre auf einem Fleck!«

17] Nun verstummt er endlich und harrt der Schafe und Lämmer.

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