Jakob Lorber: 'Briefwechsel zwischen Jesus und König Abgarus Ukkama von Edessa'


5. Brief des Abgarus an Jesus, geschrieben drei Wochen nach der Antwort des Herrn auf den vierten Brief

   br5,01] Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu dem guten Heilande, der im Judenlande um Jerusalem erschienen ist als das Urlicht und die ewige Urkraft, die alles (Himmel, Welten, Wesen) neu gestaltet und dennoch nicht erkannt wird von den Ersten, die berufen sind, wohl aber von denen, die bereits Tausende von Jahren in der Finsternis schmachteten! Ihm alles Heil von uns Kindern der Nacht!
   br5,02] O Herr! Welcher Sterbliche kann wohl die Größe Deiner Liebe zu uns Menschen, die wir nur Deine Geschöpfe sind, fassen - jener Liebe, aus welcher Du nun alles neu gestalten willst, indem Du dabei selbst einen Weg wandelst, der nach meinen menschlichen Begriffen für Gott fast unmöglich und undenkbar zu sein scheint!
   br5,03] Bist Du auch hier auf dieser Erde, die Du mit einem Hauche verwehen könntest, als ein ganz einfacher Mensch unter den Menschen gegenwärtig, so regierest und erhältst Du aber aus Deinem innersten Gottwesen dennoch die ganze Unendlichkeit! Und jeder Staub der Erde, jeder Tropfen im Meere, die Sonne, der Mond und alle zahllosen Sterne horchen der Allmachtstimme Deines Herzens, das da der ewige Mittelpunkt aller Dinge und Wesen in der ganzen Unendlichkeit ist.
   br5,04] O wie endlos selig müssen Deine Jünger sein, so sie Dich im hellsten Tage ihres Geistes nun so erkennen wie ich armer Sünder aus meiner Nacht!
   br5,05] O wäre ich nur nicht lahm an meinen Füßen, wie lange schon wäre ich bei Dir! So aber sind meine elenden Füße mir ein Hindernis zu meiner größten Seligkeit geworden. Aber das alles ertrage ich nun gerne, weil Du, o Herr, mich nur insoweit für würdig befunden hast, mit mir armen, dummen Tropfe brieflich zu reden und mich über so viele Wunderdinge zu belehren, über die man freilich wohl nur von Dir, o Herr, nie aber von einem Menschen belehrt werden kann.
   br5,06] Was wußte ich wohl früher von einem Leben nach dem Tode? Alle Weisen der Welt hätten mir dieses Rätsel nicht enthüllt. Denn unsere Vielgötterlehre hat wohl eine dichterische Unsterblichkeit; diese gleicht aber ebensowenig der Wirklichkeit wie ein leerer Traum, in welchem man bald auf dem Meere zu Fuße geht und bald zu Schiffe übers Land fährt.
   br5,07] Du, o Herr, aber hast es mir im Worte und in der Tat gezeigt, wie nach dem Tode dieses unseres sehr gebrechlichen Leibes erst ein vollkommenes, wahrhaftes freiestes Geistesleben seinen Anfang nimmt und nimmerdar verändert wird ewig.
   br5,08] Aus diesem Grunde aber habe ich es mir nun auch zur unerläßlichen Aufgabe gemacht, Dir, o Herr, für Deine endlos große Gnade durch dieses Schreiben meinen gebührendsten Dank darzubringen, der freilich gegen diese Deine Gnade in das reinste Nichts zerfällt.
   br5,09] Aber was, o Herr, könnte ich Dir auch geben, das Du mir nicht zuvor gegeben hättest!?
   br5,10] Ich denke, ein rechter Dank aus dem Herzen scheint mir noch das dem Menschen Geeignetste zu sein - weil der Undank sicher sein volles Eigentum ist. Daher auch kann ich, o Herr, Dir nichts darbringen als eben meinen geringsten Dank - aber dennoch mit der vollsten Versicherung, daß ich nun bereit bin, in meinem kleinen Staate alles sogleich einzuführen, was Du, o Herr, mir gnädigst gebieten möchtest.
   br5,11] So habe ich nach Deinem Wunsche den großen Staatsverbrecher nicht nur alsogleich aus dem Kerker gehoben, sondern ihn auch alsogleich in meine Schule und an meinen Tisch bringen lassen. Ob ich daran recht getan oder etwa, wie man zu sagen pflegt, des Guten zu viel getan habe, das zu beurteilen reicht mein menschlicher Verstand nicht hin. Darum komme ich, o Herr, auch in diesem Stücke zu Dir mit diesem Schreiben, daß Du mir darüber die rechte Weisung gnädigst erteilen möchtest.
   br5,12] Meine Liebe, meinen Dank und meinen kindlichen Gehorsam Dir, o Herr Jesus, ganz allein! Dein Wille geschehe!


5. Antwort Jesu an Abgarus

   an5,01] Höre, du Mein geliebter Sohn und Bruder Abgarus! Ich habe nun bei zweiundsiebzig Jünger, darunter zwölf Apostel, aber alle zusammen haben nicht solche Sehekraft wie du allein, der du ein Heide bist und Mich und alle die vielen Wunder seit Meiner Menschwerdung und Geburt nie gesehen hast.
   an5,02] Darum sei du auch der besten Hoffnung! Denn siehe, es wird geschehen und ist schon geschehen, daß Ich den Kindern das Licht nehmen werde und werde es in der Fülle geben euch Heiden! Denn siehe, erst vor kurzem habe Ich unter den hier mitunter lebenden Heiden, Griechen und Römern, Glauben gefunden, desgleichen in ganz Israel nicht anzutreffen ist. Liebe und Demut aber sind nun unter den Juden ganz fremde Eigenschaften des menschlichen Herzens geworden, während Ich sie nicht selten unter euch im Vollmaße antreffe.
   an5,03] Siehe, darum werde Ich es den Kindern nehmen und werde es euch geben, das ist: all Mein Reich zeitlich und ewig! Die Kinder aber sollen sich nähren vom Unflate der Welt!
   an5,04] Du möchtest Meinen Willen in deinem Staate zum Gesetze machen? - Das wird sich vorderhand noch nicht tun! Denn siehe, es gehört zu allem eine gwisse Reife. Aber Mein Gesetz ist nichts als Liebe. Willst du schon in deinem Staate etwas von Mir einführen, so führe dieses Gestz ein, dann wirst du mit Meinem Willen ein leichtes Werk haben! Denn siehe, Mein Wille und Mein Gesetz sind so völlig eins, wie da Ich und der Vater völlig eins sind.
   an5,05] Freilich liegt dann in Meinem Willen noch so manches, was du nun nicht fassen könntest. Wann aber Mein Jünger zu dir kommen wird, der wird dich in alles leiten. Und so du durch ihn auf Meinen Namen getauft wirst, dann wird der Geist Gottes über dich kommen und wird dich selbst in allen Dingen unterweisen.
   an5,06] Mit dem Verbrecher hast du völlig recht getan. Denn siehe, Ich tue mit euch Heiden ja dasselbe! Deine Tat aber sei dir ein guter Spiegel dessen, was Ich schon jetzt tue und später in der Fülle tun werde.
   an5,07] Dies zu deiner Ruhe und zu deinem Segen!- Amen


Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers