Jakob Lorber: 'Die drei Tage des 12-jährigen Jesus im Tempel'

Text revidiert nach 1. Auflage 1861


16. Kapitel: Die Frage des spottenden Barnabe. Jesu rügende Antwort und Gegenfrage. Barnabes Verlegenheit und Abbitte. Das Wunder mit den Eselsohren und dem lebendigen Esel.

   01] Fragt Barnabe die hohen Pharisäer um die Erlaubnis, mit Mir zu reden, da er auf einen guten Einfall gegen Mich gekommen sei? Man gestattete ihm das, und er begann so, wie folgt zu reden:
   02] ”Höre, du mein lieber, kleiner herrgottlicher Messias aus Nazareth in Galiläa, was freilich nicht viel sagen will! - Da du uns nun einige Beweislein geliefert hast, aus denen wir sogar mit unsern verstopften Ohren zu hören und mit verbundenen Augen zu sehen anfangen, dass du am Ende dennoch der verheißene Messias bist, aber eben mit dieser Einsicht stehen wir nun ganz als eingespannte Ochsen am Berge! Was werden wir nun tun? Oder was sollen wir nun?
   03] Dieser Tag geht schon wieder seinem Ende entgegen, und du hast nur mehr morgen noch das erkaufte Recht, zu reden, obgleich du der Messias bist! Daher meine ich, dass es für dich nun an der Zeit wäre, deine Anordnungen zu machen, was von nun an, da wir dich erkannt haben, mit uns und mit dem Tempel zu geschehen hat! - Bleibt alles, wie es ist, oder wird alles nun umgestaltet? - Du bist nun einmal der verheißene und zu uns hereingesäuselte Messias, was wir dir nicht mehr abstreiten können, aber was nun? Rede, und handle du junger gottmenschlicher Messias - natürlich von oben her?“
   04] Sagte Ich: ”Wegen dieses deines gar zu schlechten Witzes hättest du wahrlich nicht nötig gehabt, dein Maul gar so weit aufzureißen und zu zeigen, dass du wohl sehr gerne etwas möchtest, aber es fehlen dir die materiellen und geistigen Mittel dazu! - Verstanden, du Träger Bileams?! - Aber da du an Mich denn schon einmal die Frage gestellt hast, was von nun an mit euch und darau mit dem Tempel zu geschehen hat, so muß Ich dir schon auch eine rechte Antwort darauf geben!
   05] Siehe, so steht es geschrieben: ”So aber der Messias kommen wird, da wird Er das Gesetz nicht aufheben, auch nicht ein Häkchen desselben, sondern es selbst auf das allergenaueste erfüllen!“ - Er wird nicht aufheben den Tempel und dessen Diener, wohl aber züchtigen deren gesetzwidrige Verkehrtheit, und weise sich dünkende Protzler von Leviten wird Er kennzeichnen zur dankbaren Anerkennung ihrer schlechten und noch schlechter angebrachten Witzereißerei!
   06] Ist denn für dich Meine auf Mich bezug habende Besprechung der eben auch unwiderlegbar auf Mich bezug habenden Schrifttexte eine Narrheit?! Oder beweise du es Mir, dass Ich nicht gerade auf ein Haar derselbe bin, von dem aber gar alle Propheten geweissagt haben! So du aber das ernstlich nicht imstande bist, wozu unterfängst du dich dann, Mich zu protzen (verspotten, d. Ed.)? - Na - warte! - Ich werde dir dann auch eine Frage geben, die du Mir beantworten wirst! - Beantwortest du Mir die Frage nicht zu Meiner Zufriedenheit, so sollst du Mir zu einem wahren Midas der Heiden werden! (Midas war ein phrygischer König. Er verwandelte, was er berührte, in Gold und bekam dann, weil er den Marsyas dem Apollon vorzog, Eselsohren. d. Ed.)
   07] Sage Mir, du seichtester Witzbold, was der Name ,Jerusalem' besagt?! Was steckt darinnen? Als Levite und angehender Varisär (Pharisäer, d. Ed.) mußt du das aus den Büchern Mosis und auch aus dem Buche Henoch, das Noah über die Sündflut herübergebracht hat unter dem Titel ,Kriege Jehovas' (siehe ,Haushaltung Gottes'! d.Ed.) wissen, und Ich habe nun das volle Recht, von dir die Erklärung zu verlangen, denn es liegt gar viel an dem richtigen Verständnisse dieses Namens! Rede nun!“
   08] Hier fing sich der junge Levite stark hinter den Ohren zu kratzen an; denn von der urhebräischen Zunge hatte er gar keinen Dunst. - Er bat Mich deshalb um etwas Zeit und Geduld, und Ich gewährte ihm das. - Nun schlich er sich zu einem alten Schriftgelehrten, ob dieser ihm das nicht zu sagen wüßte? - Allein der wußte es auch nicht und beschied ihn zum Kabbalisten Joram. Dieser zuckte auch ganz bedenklich mit den Achseln und sagte nach einer Weile leise zu ihm:
   09]”Ja, es gibt in den gar alten Büchern wohl eine Art ethymologischer Erklärung hierüber, und in der Kabbala geschieht auch eine Art erläuternde Erwähnung, - aber in so mystischen Thesen, dass dagegen das Hohe Lied Salomons ein wahres Kinderspiel ist. Ich selbst habe je weder das eine noch das andere verstanden und kann dir daher nun unmöglich aus deiner Verlegenheit helfen!
   10] Übrigens muß ich dir die Bemerkung machen, dass du mit dem Knaben schon einmal wegen seiner allereminentesten Geistesschärfe und dann wegen des Ansehens seines hohen römischen Protektors viel glimpflicher hättest reden sollen, zumal du eben derjenige bist, der uns eine mehr haltbare Auskunft über sein wundersames Wesen gegeben hat.
   11] Merktest du denn zuvor nicht, wie er von Wort zu Wort um alles wußte, was wir in der Nacht in aller Geheimheit über ihn beraten und gesprochen haben?! - Ich sagte dazu nichts, habe aber für mich darin ein gewaltiges Zeichen gefunden von der Anwesenheit eines Geistes in diesem Knaben, dem es eben kein Schweres zu sein scheint, Herzen und Nieren der Menschen zu prüfen.
   12] Ich gebe dir darum den Rat, den außerordentlichen Knaben wegen der angetanen offenbaren Beleidigung um Vergebung zu bitten, sonst stehe ich wahrlich nicht gut, ob er dir nicht einen sicher sehr lästigen Schabernack spielt! Gehe hin, und folge meinem Rate!“
   13] Sagt Barnabe: ”Na, das Recht zu reden hat er allerdings, und Scherz versteht er auch keinen, so muß man ihn denn doch um Vergebung bitten. Dass aber niemand den Namen der Stadt zergliedern kann, - das ist wahrlich bei uns Templern doch auch etwas Sonderbares!?“
   14] Hierauf begiebt sich Barnabe wieder zu Mir und sagte ganz freundlichen Angesichtes : ”Lieber, holdester Junge! - Ich habe meinen groben Fehler, den ich an dir durch meinen wahrlich schlechten und sehr unzeitigen Witz begangen habe, eingesehen und bitte dich wahrhaft von ganzem Herzen um Vergebung und füge zugleich inständigst die Bitte hinzu, dass du uns gefälligst den Namen ,Jerusalem' erläutern möchtest, denn wir alle wissen nichts aus ihm zu machen! - Man übersetzt ihn wohl mit dem Ausdrucke ,Heilige Stadt' oder ,Stadt Gottes' - allein, wie das im Worte ,Jerusalem' vorhanden sei, das weiß wohl kaum jemand aus uns.
   15] Man erzählt sich wohl, dass ein Ort hier unter dem Namen ,Salem' bestanden hatte, wo der große und mächtigste König wohnte, dem alle damaligen Fürsten der Erde den Zehent geben mußten - denn der König namens Melchisedek war für alle Menschen auf der Erde zugleich der einzige und wahrhafteste Hohepriester Jehovas. - Aber man weiß sonst von diesem Hohenpriester, von seinen Lehren und Taten, wie auch von seiner Persönlichkeit wenig oder auch nichts. - Wenn du ohne Zweifel davon etwas nähere weißt als wir alle, so setze uns gefällig davon in Kenntnis!“
   16] Sagte Ich: ”Dein Glück, dass du Mir so gekommen bist - sonst wärest du auf eine Art gezeichnet, die dir wahrlich nicht angenehm gewesen wäre! Die Zeichen aber, mit denen dein Haupt geziert worden wäre, liegen nun zu deinen Füßen. Hebe sie auf und lerne daraus, dass Ich fürs erste die mutwillige Spottsucht bei jedem Menschen züchtige, und dass man an der Stätte, wo es sich um den größten Lebensernst aller Menschen der Erde ewig handelt, sich nicht eines elenden und nichtigsten Scherzes bedienen soll! - Besieh nun zuvor den Scherz, den Ich für deinen schlechten Witz mit dir gemacht hätte; dann erst werde Ich dir auch die zweite Bitte gewähren!“
   17] Hier bog sich Barnabe zum Boden und hob zwei zu seinen Füßen liegende, allervollkommenst ausgebildete, ganz natürliche Eselsohren auf und entsetzte sich darum um so mehr, weil ihnen jede Spur mangelte, als wären sie zu dem Behufe irgend einem wirklichen Esel abgeschnitten worden.
   18] Einige der Anwesenden - besonders unser Simon und der römische Richter - gerieten dadurch in eine helle Lache, aber allen Templern wurde es ganz sonderbar zumute, und sie fingen sich untereinander an zu fragen, wie solches irgend auf eine natürliche Weise möglich wäre?! - Und sie rieten hin und her, konnten aber zu keinen nur von fernhin haltbaren Resultate gelangen.
   19] Da sagte Barnabe: ”Was nützt all unser Hin- und Herraten? Die Sache ist ein reines Wunder und weiter gar nichts! Denn hätte sich der Knabe damit irgend zuvor schon vorgesehen, so müßte er auch schon zuvor gewußt haben, dass ich gegen ihn einen schlechten Witz machen werde!? Und das wäre doch etwa auch ein noch größeres Wunder!?
   20] Der Knabe aber hat uns von solcher seiner Eigenschaft schon dadurch eine sehr denkwürdige Probe abgelegt, als er unsere geheimen nächtlichen Besprechungen mir von Wort zu Wort vortrug und dem Hohenpriester seine ganz geheimen Gedanken offen und laut aussprechen wollte! - Wer das eine kann, dem dürfte etwas anderes auch auf eine gleiche, uns freilich unbegreifliche Weise möglich sein?!
   21] Hinter diesem Knaben steckt unfehlbar etwas Außerordentliches!? Ich wäre für mich nun schon der Meinung, dass sich mit der Zeit aus ihm ein ganz vollkommener Messias herausbilden dürfte?“
   22] Sagt der Oberpriester: ”Du redest geradeso wie ein Blinder von der Pracht der Farben! - Wie oft haben persische Zauberer uns mit Zauberstücken überrascht; - und Gedanken erraten, ist bei uns auch nichts mehr Neues. Wer kennt die griechischen Orakel nicht?! - Diese haben das Gedankenerraten so geläufig gehabt, dass sich am Ende nahezu niemand mehr in ihre Nähe zu kommen getraute!
   23] Ja, mein Lieber, bei einer so hochwichtigen Sache muß man mit ganz anderen Augen schauen und die Erscheinungen einer viel tieferen Beurteilung unterziehen! - Erst wenn man alles genauest durchprüft hat, kann man - aber immer sehr behutsam nur - dabei eine etwas bessere Meinung anzunehmen anfangen. Von einen Vollglauben aber darf so lange keine Rede sein, als bis alle Umstände und Zeichen derart konstatiert sind, dass sie nichts mehr zu wünschen übriglassen.
   24] Das, mein lieber Barnabe, zu deiner Belehrung; denn es ist das noch immer ein alter Fehler von dir, dass du bei deinen sonst sehr schätzbaren Kenntnissen sehr leichtgläubig bist!“
   25] Sagt Barnabe: ”Nein, das war ich nie! - Denn wäre ich ein Leichtgläubiger gewesen, so wäre ich niemals zu den mannigfachen gründlichen Kenntnissen gekommen, die man sich durch die Leichtgläubigkeit niemals erwerben kann. Ich verstehe eine Sache und eine Erscheinung zu prüfen, und unterscheide ganz sicher das Alpha vom Omega, aber hier ist mein ganzer Verstand mir zu kurz geworden, und alle meine vielen und mannigfachen Erfahrungen sind in den Jordan gefallen!
   26] Die Zauberkünste der Perser kenne ich und noch eine Menge anderer hinzu, aber da gibt es keine darunter, durch die man imstande wäre, ein Paar ganz unversehrter Eselsohren aus der puren Luft ins Dasein zu rufen. Und die Gedankenerratungen sowohl des ältesten Orakels zu Dodona wie des zu Delphi sind mir nur zu wohl bekannt. Aber darunter habe ich noch nie etwas dem Ähnliches gefunden, wie dieser Knabe mir, wie auch dem Joram, von Wort zu Wort vorhielt, was wir ganz geheim unter uns besprochen haben?
   27] Ich bleibe daher bei meiner ausgesprochenen Meinung stehen, und sage noch einmal ganz unverhohlen: Hinter diesem Knaben steckt mehr, als was wir alle je zu begreifen imstande sein werden! - Ich will gerade nicht behaupten, dass er ob solchen seinen außerordentlichen Eigenschaften schon unfehlbar der zu erhoffende Messias sei; aber eher kann es offenbar Er sein als irgend jemand unter uns allen, wie wir da versammelt sind!
   28] Aber nun, mein lieber, holder junger Landsmann, möchte ich wohl, bevor es ganz Abend wird, noch das ,Jerusalem' und den ,Melchisedek' von dir versprochenermaßen erklärt haben!?“
   29] Sagte Ich: ”Das soll dir, weil du so gut für Mich geredet hast, auch werden. Nimm aber zuvor die beiden Eselsloser (Eselsohren, d. Ed.) an den äußersten Spitzen in deine Hände und halte sie zwischen den Fingern etwas in die Höhe, und wir werden sehen, ob das auch die persischen Zauberer vermögen!?“
   30] Barnabe tat das, und Ich sprach: ”Es werde zu diesen Losern (Ohren, d. Ed.) auch ein ganz lebendiger und völlig gesunder Eselsleib!“
   31] Im Augenblick stand einganz vollkommen gut gestalteter Esel mit Haut und Haaren mitten unter der Gesellschaft!
   32] Da entsetzten sich alle wegen Meiner Wundertatskraft und machten Miene, die Flucht zu ergreifen.
   33] Aber der römische Richter und Simon ließen das nicht zu und sagten: ”Die Zeit muß eingehalten werden, und der Wunderknabe werde noch die zwei Worte erklären!“
   34] Da setzten sich die Templer wieder und staunten den neu geschaffenen Esel ganz verblüfft an, und keiner vermochte auch nur eine Silbe über seine Lippen zu bringen oder zu urteilen, wie etwa solches zu bewirken möglich wäre!?


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