Jakob Lorber: 'Die drei Tage des 12-jährigen Jesus im Tempel'

6. Kapitel: Gutachterliche Äußerung des jungen Leviten. Die verächtliche Rede des Hochpriesters über den Zimmermannssohn von Nazareth.

   01] Es trat aber ein junger Pharisäer vor, der eigentlich noch ein Levite war, und bat um die Erlaubnis, hier auch ein paar Worte reden zu dürfen. - Der Richter erlaubte ihm das mit dem Bemerken, gelassen und verständig zu reden.
   02] Da nahm der Levite das Wort und fing so zu reden an, sagend: ”Ich stamme aus Galiläa, und zwar aus der Nähe von Nazareth, und kann mich nun erinnern, von jenem Wunderknaben so manches gehört zu haben, von dem eben dieser Knabe eine durchaus nicht unbeachtenswerte Anzeige gemacht hat. - Ich kann zwar nicht behaupten, ihn irgend persönlich kennengelernt zu haben; aber erzählen habe ich von ihm oft und vieles gehört.
   03] Ich selbst erkundigte mich wohl, so gut es gehen konnte, um seine Eltern und vernahm, dass sein Vater ein Zimmermann namens Joseph sei und dessen zweites Weib Maria heiße, und dass beide in der geraden Primogeniturlinie (Erstgeburtslinie, d. Ed.) von David abstammen. - Nun solle eben der anzuhoffende Messias aber vom David abstammen? - Und es ginge das demnach mit den Aussagen der Propheten zusammen.
   04] Ich bin sonach der Meinung, dass es denn doch der Mühe sich lohnte, diese namentlich uns Juden sehr nahe angehende Sache einer näheren Prüfung zu unterziehen?! - Jedoch, - ich habe da nichts anzuordnen, sondern bloß in aller Demut nur meine Meinung kundzutun, da ich solches als meine Pflicht ersehe; alles weitere geht bloß dem hohen Tempelrat an. Ich habe in aller Demut geredet.“
   05] Da erhob sich ein Hochpriester (,Hoherpriester', d. Ed.) und sagte: ”Was soll der Tempel auf die Aussage eines wahnwitzigen Knaben?! Da müssen dem Tempel höhere Indizien gemacht werden! - Dergleichen Reden waren unter dem Judenvolke schon oft da, und sind auch sogar offenbare Wunder geschehen, und dennoch war da von einem Messias späterhin keine Spur zu entdecken!
   06] Wie lange ist es denn, als Zacharias dem Tempel vorstand?! Dessen Weib Elisabeth gebar ihm, schon im hohen Alter stehend, einen Sohn, was ihm von einem Engel, als er im Tempel opferte, angezeigt wurde. Zacharias konnte dieser Anzeige keinen Glauben geben, da sein Weib dafür zu alt war. Da wurde er dafür so lange mit Stummheit geschlagen, bis sein Weib gebar. Als zu ihm aber eines Tages die Kunde in den Tempel kam, dass ihm sein Weib einen Sohn geboten hatte, und er befragt ward, wie der Sohn benannt werden solle? - Da wurde ihm die Zunge gelöst, und er sprach: ,Johannes!' - Und siehe, es war dies eben der Name, den ihm zehn Monde (Monate, d. Ed.) früher der Engel des Herrn gegeben hatte!
   07] Zacharias aber fragte den Engel: ”Was soll aus dem Knaben werden? - Laß mich erkennen des Herrn Willen!“
   08] Der Engel aber sprach : ”Dieser ist es, von dem Jesaias so sprach:
”Er wird sein die Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg, und macht eben dessen Fußsteige! Alle Täler sollen voll und alle Berge und Hügel erniedrigt werden, und was krumm ist, soll richtig werden; was aber uneben ist, soll werden ein schlichter Weg! Und alles Fleisch wird sehen den Heiland Gottes!'“
   09] Man forschte aber damals näher nach und fand bald, dass der herrschsüchtige Zacharias ihm nur dadurch mit geheimer Hilfe der Essäer habe eine erbliche geistige Dynastie gründen wollen, wurde deshalb von dem Arme der Gerechtigkeit ergriffen und für solchen Frevel mit dem Tode bestraft!
   10] Wo ist nun jene große Messiashoffnung hingekommen? - Kein Mensch denkt mehr daran! Alles ist vor dem Tempel, der von Jehova ist für alle Zeiten der Zeiten geheiligt worden, wie ein schwacher Pfützendunst vor der Macht der Sonne ins Nichts zerronnen! - Und doch ging jene Geschichte vom Hohenpriester selbst aus. Da sie aber unlauter war und das Heiligtum Gottes zu verunreinigen drohte, so hat der Herr auch nicht gesäumt, den Frevel zur rechten Zeit zu züchtigen.
   11] Wenn aber schon jene sicher sehr denkwürdig aussehende Geschichte ein solches Ende nahm, wie würde sich dann erst des Zimmermanns Joseph Messiasgeschichte vor dem Tempel ausnehmen, hinter der nichts als irgendwelche essäische und indomagische Betrügereien stecken! Der Knabe soll nur vor unseren allsehenden Augen seine Wunder produzieren, und wir werden es dem dummen Volk dann wohl zu erklären verstehen und enthüllen seinen vermeintlichen Messias!
   12] So dieser (der Messias, d. Ed.) kommen wird, werden zuvor vor aller Welt Augen große Zeichen geschehen am Firmamente. Alsdann erst wird der große Erwartete kommen, mit aller Macht der Himmel ausgerüstet, zu erlösen sein Volk von der Macht der Heiden, und wird fürder sein ein Herr und König über alle Lande der Erde, und die Kinder Abrahams werden sein Volk sein und bleiben in Ewigkeit!
   13] Wer dieses weiß wie unsereiner aus den Büchern der alten Weissagungen über die Ankunft des Messias, der kann doch unmöglich glauben, dass Gott, der seine allzeitige Ankunft auf überaus großartige Weise vor den Augen der Menschen und aller Kreatur betätigte, nun so unscheinbar als möglich und sogar als ein uneheliches Kind in diese Welt als ein schwacher Mensch, uns gleich dem Tode untertan, kommen werde?!
   14] Denn wir wissen es ja, dass des Joachim Tochter Maria eher schwanger wurde, als sie noch dem Joseph als Weib im Tempel angetraut ward. - Das Fräulein war dem bekannten Baukünstler aus dem Stamme Davids ja anfänglich zur Pflege gegeben, und nur, um ihn nicht zugrunde zu richten, hatte man freundlich geraten, das Fräulein, bevor die Sache im Volke ruchbar werde, zum Weibe zu nehmen und somit den Fleck zu verwischen.
   15] Jener Knabe aber ist und bleibt dennoch ein Unehelicher, und es kann dadurch desto weniger Möglichkeit vorhanden sein, dass er je ein verheißener Messias werden könnte, und möchte er durch seine erlernten Zauberkünste auch alle Berge zu versetzen imstande sein!
   16] Aus dem wird hoffentlich doch ein jeder noch so Schwachsinnige ersehen können, was irgend möglich und was hier nach der Gestalt der Sache rein unmöglich ist und sein muß!“


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