Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

93. Kapitel: Peinliche Wiedersehensszene unter den Chinesen. Die Geschichte der Verräterin.

Originaltext 1. Auflage 1896 durch Project True-blue Jakob Lorber

Text u. Versnummerierung nach 3. Auflage 1960 Lorber-Verlag

01] Auf diese Worte gehen nun Alle die Hundert lieblichen Angesichts hinter der Schutzwand hervor, und erstaunen sich über die große Pracht und Räumlichkeit des Saales, in dessen gegen Mittag gewendetem Theile die tausend früheren Gäste nebst noch andern mehreren Hunderten sich befinden, die bei der Gelegenheit der innern Bearbeitung der Mönche und Nonnen mit gerettet wurden!

02] Als die Hundert diese vielen Gäste erschauen, die noch zum größten Theile in der naturmäßigen Kleidung stecken, da verwundern sie sich gar überaus mächtig, als sie auch nun wirklich jene Boten also gleich erkennen, die sie auf der Welt im Christenthume haben unterweisen wollen! Als sie aber auch jene Chinesin unter ihnen erblicken, die den Hauptboten, und dadurch auch sie Alle verrathen hatte, da machen sie bald finstere Mienen, und sagen zu Mir:

03] (Die Hundert Chinesen): „Höre Du liebster Freund! diese Erscheinung berührt uns äußerst unangenehm zwar; aber da sie euch, wie es scheint, nicht zuwider ist, so solle sie es auch uns Allen nicht sein! Der Bote, den sie verrieth, scheint nun merkwürdiger Weise auf einem guten Fuße mit ihr zu stehen; denn er bespricht sich nun ja gar freundlichst mit ihr! Sie ist wohl sonst ein sehr schönes und artiges Wesen, darum sie auf der Welt auch ein Liebling dieses Boten war, so wie sie auch eine wahre Schönheit in der großen Kaiserstadt Peking genannt wurde, und daher ein Liebling der ganzen Stadt war; aber durch ihren gewinnsüchtigen schnöden Verrath an uns Allen hat sie dann wohl auch alle Achtung der großen Kaiserstadt verloren, und starb, wie wir vernommen hatten, bald darauf aus Gram.

04] Wir wundern uns daher nun blos darum hauptsächlich, wie diese doch sichere Dienerin des Ormuz, die den Jesuslama an uns verrieth, in diese heiligen Hallen hereingekommen ist. Hat etwa der Lama Selbst ein Wohlgefallen an ihrer Schönheit?"

05] Rede Ich: „Liebe Freunde! hattet ihr nicht auch Kinder, darunter einige fromm, und einige aber recht schlimm waren? Ihr Alle saget ja! Ich aber frage euch weiter, und sage: habet ihr die Schlimmen wohl darum den Hyänen und Tigern vorgeworfen? oder habt ihr alle eure Sorge und Liebe nicht diesen euren schlimmem Kindern zugewendet, und habet die frommen um vieles weniger beachtet? Ihr saget: Ja, ja, also war es!

06] Sehet, so aber ihr, die ihr durch euer ganzes Leben nie gut gewesen seid, euren sogar schlimmsten Kindern Gutes nur thatet, wie könnt ihr danebst denken, daß der ewig allerbeste Lama Seinen Kindern etwas Böses geben werde, so sie Ihn reuig um etwas Gutes bitten?!

07] Diese Jungfrau hat auf der Welt freilich gewisserart übel an euch Allen gehandelt; aber sie bereute später eben so mächtig ihre vermeintliche böse That, als wie mächtig sie früher euch Alle geliebt hatte, bevor sie den Hauptboten und dadurch auch unwillkürlich euch Alle mit ihm verrieth.

08] Und so hat der gute Lama ja auch recht, so Er Eines Seiner Kinder nicht sogleich auf ewig verwirft, so es auch Böses gethan hätte, dann aber zu Ihm kommt, und Ihn von ganzem Herzen reuigst um Vergebung bittet!?

09] Sehet, der gute Lama braucht demnach nicht verliebt zu sein in eine schöne Pekingerin, um sie selig zu machen, sondern es ist genug, daß Er ein guter Vater aller Menschen ist, und daß Er als Solcher erkannt wird. Ist besonders Letzteres der Fall, dann hat es mit dem Seligwerden einer schwachen Tochter der Erde gar keine Schwierigkeiten mehr.

10] Was meinet ihr lieben Freunde nun, handelt der gute Lama also recht oder unrecht?"

11] Spricht Einer aus den Hundert: „Ja, also handelt der große heilige Lama vollkommen gut und gerecht!"

01] Auf diese Worte gehen nun alle hundert lieblichen Angesichts hinter der Schutzwand hervor und erstaunen über die große Pracht und Räumlichkeit des Saales. In dessen gegen Mittag gewendeten Teile befinden sich die tausend früheren Gäste nebst noch andern mehreren Hunderten, die bei der Gelegenheit der inneren Bearbeitung der Mönche und Nonnen mitgerettet wurden.

02] Als die hundert diese vielen Gäste erschauen, die noch zum größten Teile in der naturmäßigen Kleidung stecken, verwundern sie sich überaus mächtig, auch als sie nun wirklich jene Boten sogleich erkennen, die sie auf der Welt im Christentum haben unterweisen wollen. Als sie aber auch jene Chinesin unter ihnen erblicken, die den Hauptboten und dadurch auch sie alle verraten hatte, machen sie bald finstere Mienen und sagen zu Mir:


03] (Die 100 Chinesen:) »Höre, du liebster Freund, diese Erscheinung berührt uns zwar äußerst unangenehm. Aber da sie euch, wie es scheint, nicht zuwider ist, so soll sie es auch uns allen nicht sein. Der Bote, den sie verriet, scheint nun merkwürdigerweise auf gutem Fuße mit ihr zu stehen, denn er bespricht sich gar freundlichst mit ihr. Sie ist wohl sonst ein schönes und artiges Wesen, darum sie auf der Welt auch ein Liebling dieses Boten war, wie sie auch eine wahre Schönheit in der großen Kaiserstadt Peking genannt wurde und daher ein Liebling der ganzen Stadt war. Aber durch ihren gewinnsüchtigen, schnöden Verrat an uns allen hat sie dann wohl alle Achtung der großen Kaiserstadt verloren und starb, wie wir vernommen hatten, bald darauf aus Gram.


04] Wir wundern uns daher hauptsächlich bloß darum, wie diese doch sichere Dienerin des Ahriman, die den Jesus-Lama an uns verriet, in diese heiligen Hallen hereingekommen ist! Hat etwa der Lama Selbst ein Wohlgefallen an ihrer Schönheit?«

05] Rede Ich: »Liebe Freunde, hattet ihr nicht auch Kinder, darunter einige fromm, einige aber recht schlimm waren? Ihr alle sagt: 'Ja!' Ich aber frage euch weiter: Habt ihr die schlimmen wohl darum den Hyänen und Tigern vorgeworfen, oder habt ihr alle eure Sorge und Liebe nicht diesen schlimmeren Kindern zugewendet und habt die frommen viel weniger beachtet? Ihr sagt: 'Ja, ja, so war es!'

06] Seht, so aber ihr, die ihr euer ganzes Leben hindurch nie gut gewesen seid, euren sogar schlimmsten Kindern nur Gutes tatet - wie könnt ihr da denken, daß der ewig allerbeste Lama Seinen Kindern etwas Böses geben werde, so sie Ihn reuig um etwas Gutes bitten?

07] Diese Jungfrau hat auf der Welt freilich gewisserart übel an euch allen gehandelt. Aber sie bereute später ebenso mächtig ihre vermeintliche böse Tat, wie mächtig sie früher euch alle geliebt hatte, bevor sie den Hauptboten und dadurch auch unwillkürlich euch alle mit verriet.

08] Und so hat der gute Lama ja auch recht, so Er eines Seiner Kinder nicht sogleich auf ewig verwirft, so es auch Böses getan hätte, dann aber zu Ihm kommt und Ihn von ganzem Herzen reuigst um Vergebung bittet.

09] Seht, der gute Lama braucht demnach nicht verliebt zu sein in eine schöne Pekingerin, um sie selig zu machen. Sondern es ist genug, daß Er ein guter Vater aller Menschen ist und daß Er als solcher erkannt wird. Ist besonders letzteres der Fall, dann hat es mit dem Seligwerden einer schwachen Tochter auf der Erde gar keine Schwierigkeit mehr.

10] Was meint ihr lieben Freunde nun - handelt der gute Lama so recht oder unrecht?«

11] Spricht einer aus den hundert: »Ja, also handelt der große, heilige Lama vollkommen gut und recht! Aber da sieh, nun bemerkt uns die schöne Chanchah und geht eilends auf uns zu! Was sie uns etwa doch hinterbringen wird? Nun nur stille, sie ist schon da!«

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