Doch acht Patienten der US-Forscher - bei allen wurde die HIV-Infektion sofort erkannt und behandelt - lehren gegenwärtig der Medizin und den Immunologen weltweit etwas Besseres: Fünf der Betroffenen konnten zwischen acht und elf Monate die Zahl der HI-Viren durch die Stärke ihres Abwehrsystems ohne Arzneimittel unter Kontrolle halten. Der Hauptautor der Studie, Dr. Eric Rosenberg: "Wir müssen aber noch viel lernen, wie man das körpereigene Abwehrsystem stärkt. Aber wir sind zuversichtlich, dass wir eine Behandlungsmöglichkeit für die chronische HIV-Infektion finden werden."
Die Wissenschafter hatten nach ersten Beobachtungen an HIV-Langzeit-Überlebenden und an einem Aids-Patienten schließlich acht Probanden in eine neue Studie aufgenommen: Demnach sollten sie nach einer anfänglichen intensiven Anti-HIV-Therapie mit der Kombinationsbehandlung aufhören, bis die Zahl der in ihrem Blut vorhandenen Aids-Viren drei Wochen lang mehr als 5.000 pro Kubikmillimeter Blut betragen oder an einem Punkt auf über 50.000 ansteigen würde.
Im Rahmen der "Hoch Aktiven Antiretroviralen
Therapie" (HAART) wird ja versucht, die Zahl der HI-Viren möglichst
bis auf Zahlen zu drücken, bei denen auch die genauesten Labortests
nicht mehr anschlagen. Das sind normalerweise Werte von weniger als 200
Viruskopien pro Kubikmillimeter Blut. Im Extremfall liegt die Nachweisgrenze
bei 50 Virus-Kopien pro Kubikmillimeter.
Doch bei der Beobachtung der Patienten
stellten sich bald erstaunliche Resultate heraus: Zwar stiegen bei allen
Probanden nach dem Ende der Therapie die Zahlen an HI-Viren im Blut wieder
an, doch nach 17 Tagen fielen sie bei zwei der HIV-Positiven auf weniger
als 200 Viren pro Kubikmillimeter - und blieben auf diesem geringen Niveau
neun bis elf Monate lang.
Der Erfolg bei zwei Patienten wurde durch
die Erfahrungen an einem dritten HIV-Infizierten nur noch bestätigt:
Er nahm die Anti-HIV-Therapie wieder auf, obwohl die Zahl der Aids-Erreger
in seinem Blut die kritische Grenze von 5.000 pro Kubikmillimeter nicht
erreicht hatte. Nach drei Monaten stoppte er erneut. Das Resultat: Neun
Monate lang blieb die Zahl der HI-Viren unter 300 pro Kubikmillimeter.
Auch bei vier der restlichen fünf
Patienten zahlte sich das Aufhören mit der Behandlung beim zweiten
Mal ebenfalls aus: Zwei von ihnen hatten acht bis neun Monate lang zwischen
200 und 300 HI-Viren pro Kubikmillimeter, nachdem sie das Einnehmen der
Medikamente stoppten. Zwei weiter begannen mit der Behandlung erneut, ohne
dass ihre Virus-Level den kritischen Wert überschritten hatten. Nur
der fünfte Patient musste wirklich erneut mit der Behandlung beginnen.
Dr. Bruce Walker: "Selbst wenn die Zahl
der HI-Viren bei diesen Patienten morgen wieder ansteigt, haben wir gezeigt,
dass
es für das menschliche Immunsystem möglich ist, HIV zu unterdrücken.
Das ist etwas, was wir bisher als nicht machbar geglaubt haben. Das ist
nicht nur ein Indiz dafür, dass man Immuntherapien für Aids entwickeln
könnte. Das könnte auch für andere chronische Virus-Infektionen
wie Hepatitis C anwendbar sein.
Dazu Dr. Brigitte Schmied von der Internen Abteilung am Pulmologischen Zentrum in Wien (Vorstand: Prim. Dr. Norbert Vetter): "Solche Beobachtungen wurden bei diversen Kongressen berichtet. Am ehesten wurden sie bei HIV-Patienten gemacht, die gerade erst infiziert wurden und bei denen zwar der Antigen-Nachweis (Vorhandensein des Virus, Anm.) positiv war, aber der Antikörpertest noch schwach." - Die Produktion von Antikörpern gegen HIV folgt nach der akuten Infektion erst mit einem Zeitabstand von einigen Wochen.
Die Expertin weiter: "Bei chronisch HIV-Infizierten
muss man da aber sehr vorsichtig sein. Wenn man da mit der Therapie aufhört,
ist die Gefahr der Entwicklung von resistenten Aids-Viren relativ groß.
Entsteht aber wieder eine Art 'Wild-Virus', dann ist das möglicherweise
fitter als jene, die unter der Therapie im Körper der Infizierten
vorhanden sind."
International wird von Aids-Spezialisten
und Immunologen seit der jüngeren Vergangenheit auf Grund dieser Forschungen
und voran gegangener Beobachtungen - auch solcher an Aids-Langzeit-Überlebenden
- von der
Möglichkeit einer Art "Selbst-Impfung" gesprochen. Es könnte
sich die Chance ergeben, bei HIV-Infizierten durch eine möglichst
rasche und sehr intensive Anti-HIV-Therapie das Abwehrsystem der Betroffenen
zu einer ausreichenden Kontrolle der Infektion zu stimulieren. Sozusagen
durch anhaltend geringe HIV-Mengen im Blut.
Bereits vor Jahren hat der US-Aids-Pionier Douglas D. Richman mit dem Aufkommen der modernen Aids-Kombinationstherapie unter Verwendung von so genannten Protease-Hemmern den Wahlspruch: "Hit early and hard" (HIV schnell nach der Infektion und dann hart treffen, Übers.) formuliert. Dies könnte wirklich wahr werden. Den Aids-Viren aber muss weiterhin die Möglichkeit genommen werden, das Immunsystem der Infizierten schwer zu schädigen und sozusagen das "Kommando" zu übernehmen.
Liberty Life – Nachrichten vom 29. September 2000 in www.libertylife.at
Dr. Robert Munk wirkt kerngesund. Seit
1987 weiß der Internist von der University of New Mexico in Arroyo
Seco im US-Bundesstaat New Mexico, daß
er HIV-infiziert ist. Aber
er hat bisher keine antiretroviralen Medikamente einnehmen müssen.
"Die Zahl der Viren und der CD4-positiven Zellen im Blut schwanken öfter.
Aber bislang haben sich weder die Viren dramatisch vermehrt, noch ist die
Zahl der CD4-positiven Leukozyten unter einige hundert pro Mikroliter Blut
gesunken. Eine Behandlung war nicht nötig", sagt Munk bei der 5. Internationalen
Konferenz zur medikamentösen HIV-Therapie in Glasgow.
Verläufe wie der von Munks HIV-Infektion
sind Grundlage für die
Hypothese, daß sich eine spezifische
Immunantwort gegen HIV ausbilden kann, die stark genug ist, das Virus vollständig
unter Kontrolle zu halten. Stimmt diese Annahme, sollte es möglich
sein, Menschen mit einer HIV-Infektion bei der Ausbildung eines stabilen
Gleichgewichtes zwischen Virus und dem Körper zu unterstützen:
durch rechtzeitige Unterdrückung des Virus mit Medikamenten, damit
es die Ausbildung einer spezifischen Immunabwehr nicht bremsen kann, und
durch eine Stärkung des Immunsystems.
Die Hypothese wird gestützt durch
Ergebnisse einer kleinen, aber bedeutenden Studie, die vor kurzem in der
Zeitschrift "Nature" (407, 2000, 523) - wie bereits gemeldet - veröffentlicht
worden ist.
Professor Bruce Walker, Direktor vom AIDS Research Center beim
Massachusetts General Hospital und von der Harvard-Universität in
Boston hatte zusammen mit seinem Kollegen Dr. Eric S. Rosenberg bereits
früher bei einigen akut HIV-Infizierten beobachtet, daß diejenigen
mit raschem Beginn der medikamentösen Therapie - nämlich innerhalb
von 180 Tagen nach Infektion - eine starke spezifische Immunantwort ausbildeten,
im Gegensatz zu frisch Infizierten, die keine antiretrovirale Behandlung
erhielten.
Auf Grundlage dieser Beobachtung planten sie eine Pilotstudie: Acht akut HIV-Infizierte, bei denen das Virus, nicht aber Antikörper gegen HIV nachgewiesen wurden, erhielten innerhalb von 72 Stunden nach Diagnose eine hochaktive, antivirale Behandlung (HAART) gegen HIV. Nach zehn Monaten wurde die Therapie unterbrochen und nur dann wieder aufgenommen, wenn die Virusmenge für mindestens drei Wochen auf 5000 HIV-RNA-Kopien pro Milliliter Plasma angestiegen war oder einmal einen Wert von 50 000 Kopien pro Milliliter Plasma erreicht hatte.
Schon nach wenigen Tagen der Therapiepausen beobachteten die Forscher bei den Studienteilnehmern eine Vermehrung von HIV auf einige hundert oder einige tausend Viruskopien pro Milliliter. Fünf der acht Patienten nahmen die Behandlung wieder auf, bei dreien sank die Virusmenge schon rasch nach der ersten Pause wieder unter 5000 Kopien pro Milliliter Plasma ab, bei den übrigen fünf Patienten war dies nach der zweiten Therapiepause der Fall.
Fünf der acht Studienteilnehmer benötigen seit durchschnittlich 2,7 Jahren keine antiretrovirale Behandlung mehr. Die Zahl der Viren blieb stabil unter 500 HIV-RNA-Kopien pro Milliliter Plasma. Außerdem stellten die Forscher fest, daß in den Therapiepausen die Zahl der HIV-spezifischen T-Helfer- und zytotoxischen T-Zellen auf das bis zu Zehnfache der Ausgangswerte stieg. "Ein vermehrter Kontakt mit den HIV-Antigenen in den Therapiepausen hat also vermutlich die Ausbildung einer spezifischen Immunantwort angekurbelt", folgern Walker und Rosenberg.
"Die Beobachtung bezieht sich zwar nur
auf eine kleine Zahl von Patienten, aber sie ist bedeutend", kommentierte
Professor Bernard Hirschel von der Abteilung für Infektionskranheiten
an der Klinik der Universität Genf die Studienergebnisse im Gespräch
mit der "Ärzte Zeitung".
"Akut HIV-Infizierte, also Menschen, die
mit den ersten Symptomen und lediglich dem Verdacht, sie könnten sich
angesteckt haben, zum Arzt kommen, machen nur etwa drei Prozent der HIV-Infizierten
aus, die wir in der Klinik sehen", so Hirschel. "Aber natürlich ist
es wichtig zu wissen, ob man sie möglicherweise lebenslang vor einem
schweren Verlauf der Krankheit bewahren kann. Und außerdem ergeben
sich aus den Untersuchungen mit akut HIV-Infizierten möglicherweise
neue Perspektiven für chronisch Infizierte."
Diskussionen um die Therapie auf Kongressen
zu HIV können derzeit sehr spannend sein. Das ist schon auf der Welt-AIDS-Konferenz
in Durban in Südafrika so gewesen und hat sich jetzt beim Kongreß
in Glasgow noch verstärkt. Viele dieser Diskussionen drehen sich darum,
wie HIV-Infizierte ihre Therapie langfristig bei guter Lebensqualität
beibehalten können.
Bisher hat gegolten: Die Therapie muß einfacher werden. Pharmakologen und Pharmazeuten haben dabei ein Ziel: einmal täglich
eine Tablette - auch gegen HIV.
Jetzt wird intensiv eine ganz andere Möglichkeit
zur Erleichterung für die Patienten diskutiert, nicht ganz einfach,
aber äußerst attraktiv.
Was vor kurzem noch als Teufelswerk galt,
vor dem strikt gewarnt wurde, nämlich hin und wieder mal eine Therapiepause
zu machen, um sich von der Last zu erholen, wird als neue Chance gesehen
für eine Dauertherapie mit antiviralen Substanzen. Der entscheidende
Unterschied besteht darin, daß die Therapiepausen jetzt strukturiert
sein sollen und nicht nach Lust und Laune und Urlaubstermin gemacht werden
dürfen.
Nach ersten Ergebnissen einer Studie zu
kontrollierten Therapiepausen, die jetzt von Professor Bernhard Hirschel
aus Genf in Glasgow vorgestellt worden sind, könnte die Sache bei
einem Teil der Patienten klappen.
Auch mit Therapiepausen wird bei ihnen
das Virus in Schach gehalten.
Jetzt muß dringend Klarheit daüber
gewonnen werden, ob und welche Kriterien es gibt, daß die Therapie
mit strukturierten Pausen die Virusvermehrung langfristig unter Kontrolle
hält.
Dann wird die Therapie zwar wieder komplizierter,
aber um eine attraktive Hoffnung reicher.
Ärzte Zeitung vom 30. Oktober 2000
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